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5 March 2019

Dylan McKay

Der Kontrast hätte für mich nicht größer sein können: Ich, zehn Jahre alt, in Bluejeans, ein verwaschenes, einst weißes, Discount-Shirt mit einer Zeichnung von Keith Haring darauf tragend, in der fünften Klasse in einer dieser maroden Karl-Marx-Sekundarschulen sitzend, die aufgrund eines Umzugs jene Ho-Chi-Minh-Schule für zwei Jahre ablösen sollte, bevor ich auf ein Gymnasium wechseln würde, da ich die letzten guten Noten meiner Schullaufbahn in einer Ledertasche trug, und die für mich merkwürdige Welt der Serie Beverly Hills 90210, die erstmals im Juli 1992 in Deutschland ausgestrahlt wurde. Es gab samstags also eine Möglichkeit der Flucht, weit weg von dem Post-Wende-Alltag, der für die Eltern so schwer schien. Rein in lichtdurchflutete Klassenzimmer und Flure mit Bücherspinden, auf deren polierten Böden reiche, weiße, junge Menschen mit Nose Jobs flanierten. "It's funny, and a little melancholy, to think of 90210 that way, because for me, as a kid, it was the white-hot touchstone of modernity—a glimpse into a fabulous world far beyond all that I knew", erinnert sich Richard Lawson für Vanity Fair.

Obwohl ich eine zeitlang die Figur der Brenda zum Vorbild erkoren hatte, wäre mir die Sendung, bis auf die Inception fragwürdiger – damals völlig okayen – Rollen- und Körperbilder, ohne die Figur des Dylan McKay nicht bewusst in Erinnerung geblieben, der die Serie rückblickend erst erträglich gemacht hatte: der coole Loner im Sportwagen, der zwar auch reich war, aber ziemlich ungücklich schien. Die Killer-Kombination.

Das mich prägende Narrativ – um nicht Klischee zu sagen –, das in Dylan McKay steckte, wurde mir kurze Zeit später bewusst, als die Grenze zum Alltag nicht mehr nur mit aktuellen US-Serien gesetzt wurde, sondern mit klassischem Hollywood-Kino (und später Literatur). Da war Paul Newman als der verletzte, alkololkranke Brick Pollitt in Die Katze auf dem heißen Blechdach, der real alkoholkranke Montgomery Clift in Ein Platz an der Sonne oder in The Big Lift oder eben James Dean in seinen drei Filmen. Charaktere: gebrochen, unsicher, manchmal physisch schwach, die gemäß Diederichsen eine visuelle, verdinglichte positive Idee der Schwäche, des Mangels und des Unvollkommenen in die zeitgenössische Kultur gebracht hatten, die eine Aura des Wahren implizierten. Die schwachen Stimmen im Pop ihr musikalisches Pendant.

Das wollte man sein: cool, unperfekt, was den Männern vorbehalten schien, bis ich Winona Ryder und später auch Bildung fand.

Und so sind die Nachrufe auf Luke Perry (1966–2019) nicht nur geprägt von den Erinnerungen an seine Rolle in Beverly Hills 90210, sondern auch an die Idee des schönen Brüchigen, des sanften bis rebellischen Anderen – das damals durch River Phoenix und Kurt Cobain kurzzeitig Vollendung fand –, das diesen grellen und potenten Serien-Figuren an die Seite gestellt wurde – ein zarter Hauch von Widerstand, wenn auch versteckt hinter Haarspraynebel: "For Generation X, it was Dylan McKay. Perry was so instantly cool and magnetic in the role that he transformed what had seemed an earnest culture clash comedy into something more addictively melodramatic and soapy", schreibt Alan Sepinwall für Rolling Stone.

Die Erinnerung an diese Form der kulturellen Intervention kam auch jedes Mal in Riverdale zum Vorschein, wenn Luke Perry, einen Vater mimend, mit den unbeharten, aufgeblähten Teenager-Karikaturen interagierte, die gefangen sind in einer Welt, in der Stile und Zeiten so stark aufeinanderprallen, das ein unheimlicher Anachronismus entsteht, der Simon Reynolds und Mark Fisher das Fürchten lernen würde.

"I'm having major déjà vu. Remember when this was our lifes?", fragt Molly Ringwald in der Rolle von Mary Andrews in einer Szene von Riverdale ihren Ex-Mann Fred, gespielt von Luke Perry, als sie einen Schulball besuchen. "The best of times", antwortet er. Sie schmunzeln sich zu, scheinen sich mit ihren jeweiligen Rollen zu versöhnen, und der Zuschauer in der Gegenwart muss sich zur Bekenntnis zwingen: Es war einmal.

22 June 2017

Im Verborgenen

Vor einiger Zeit veröffentlichte das Magazin Metamorphosen einen Call for Papers zum Thema Arbeit. Ich habe den Aufruf kurz vor Ablauf der Deadline wahrgenommen, als ich einen Businessplan verfassen musste, dessen literarische Qualitäten gemessen am Grad der Wahrhaftigkeit groß, die poetische Finesse jedoch gering war. Daher habe ich den Gedanken verworfen, diesen Text als Beitragsvorschlag einzureichen. Ebenso außer Frage stand die Einsendung einer alten, nicht veröffentlichten Kurzgeschichte über eine Textarbeiterin, die über das Ruhrgebiet berichten soll, das nur noch ein großes Loch mit wenigen belebten Zonen ist, weil zu einem unbestimmten Zeitpunkt sämtliche alten Bergwerksstollen eingebrochen und synchron fast vergessene Weltkriegsbomben hochgegangen sind. Eines der wenigen unbeschadeten Gebäude ist das Opel-Werk in Bochum, das zu einem (unbesuchten) Museum des 20. Jahrhunderts umgewandelt wurde, in dem jeder Besucher, so der Gedanke, selbst Autofahren kann und eine Wand zu bestaunen ist, auf der sämtliche Ölpreise festgehalten wurden. Daher blieb lediglich der Versuch, einen neuen Text zu verfassen.

Die Deadline verstreicht, als ich spazierend in das Album Mach’s besser von Die Sterne höre, auf der Peter Licht eine rührende Version von Universal Tellerwäscher darbietet. Während das Original zum Tanz verleitet und die Konzentration auf der Bewegung liegt – auch wenn es nur eine gedankliche ist – rückt die balladeske Interpretation den Text in den Fokus.

"Er kennt sich schon Lange
Und er kann sich nicht mehr sehen
Dabei gibt es wirklich 1000 schöne Filme über ihn

Als den Universal Tellerwäscher
Im Studio
Er wäscht wirklich Teller
Er tut nicht so"

Stimmt. Der Tellerwäscher macht seine Arbeit wirklich. Wir sehen ihn in strobohaften Sequenzen während des Restaurantaufenthaltes, wenn sich die Schwingtür zu Küche hin öffnet und nur zögerlich beruhigt. Dort hinten am Edelstahlbecken steht er und wäscht Teller in Weiß gekleidet.

"Er wäscht keine Teller / Er tut nur so", führe ich den Refrain in Gedanken weiter. Und variiere, ohne das zuvor gedachte durchzustreichen: "Er wäscht wirklich Teller / Doch tut so als ob nicht".

Denn, so scheint mir, manifestiert sich Arbeit in einigen Bereichen dadurch, dass Insignien einer unterstellten Leistung zur Schau getragen werden, die eigentlich ausgebübte Tätigkeit unbekannt (weil schon verschwunden?) ist. Oder es wird durch schmal geschnittene Anzüge, edle Businesskostüme, Fashion oder exzessiver leisureness eine bestimmte Position oder (zeitlicher) Wohlstand ausgedrückt, was noch mit der Vorstellung von erbrachter, erfolgreicher Arbeit einhergeht, doch die damit verbundene Bemühung verschleiert bleibt. In letzterem Fall sind wir wieder in Hollywood: Kaum war Marylin Monroe im August 1962 verstorben, nutzte Andy Warhol für sein Marylin Diptych ein Pressefoto zu dem Film Niagara aus dem Jahr 1953. Das Zusammenspiel des ursprünglichen Fotomaterials, das Monroe als type geprägt hatte, mit der Überhöhung im Werk lenkt in dem Moment den Fokus auf die Künstlichkeit der Figur, als die Bilder des toten Körpers der Schauspielerin und des zerwühlten Bettes kaum verblasst waren. All die Anstrengung, all die Arbeit, bis dahin im Verborgenen gehalten, wurde kurz sichtbar.

Wäre sie doch faul geblieben.

10 June 2017

Wauwau

Kaum endet der erste Refrain der Hunde-Hommage I want a Dog*, ein genialer Schmachtfetzen, mit einem von Dirk von Lowtzow gebrechlich dargebotenen "Wau, wau, wau, wau, wau", kann ich mich nicht entscheiden, ob ich über den Klang und den Einsatz der Lautmalerei noch schmunzeln oder die durch eben jenes "Wau, wau, wau, wau, wau" ausgelösten Erinnerungen zulassen soll. Die damit verbundenen Emotionen werden durch eine Google-Anfrage nach dem Hund in der Popmusik unterdrückt. Das vermisste Bellen verhallt.

Diverse Bände gibt es über den Hund in Kunst und Literatur (aktuell diskutierter Tatbestand Kunst: siehe Venedig+Dobermann+Imhof). Bei der Suche nach dem Hund in der Popmusik sind es lediglich Listen (eine E- und U-Problematik?), die Plattencover oder Songs versammeln, die sich entweder dem Hund als Gefährten widmen oder in denen das Wort Hund als (negative) Metapher herhalten muss: so wird beispielshalber Martha my dear von den Beatles mit Dog days are over von Florence and the Machine vereint (hier zeigt sich eine definitorische Schwäche in der Nutzung des Wortes Hund als umbrella term). Der Pet-Shop-Boys-Song, von dem eingehend als Cover die Rede ist, findet sich in keiner dieser gefundenen Listen. Aber das Internet ist endlos. Also: wer weiß.

Etwas unberücksichtigt erscheinen mir ebenfalls die Hunde in der Mode. Zwar müsste heute jede Tierart, so auch der Hund, über einen (mehrere!) Agenten verfügen, der sich um die u.a. inflationäre und omnipräsente Verwertung tierischer Embleme zur menschlichen Dekoration und Belustigung kümmert (man bedenke die Klagewelle!) – oder der die mit Juwelen besetzten Umhänge von Vivienne Westwood zur Diskussion stellt –, aber was ist mit dem Status all der treuen Begleiter, die stets unter den Arbeitstischen lagen/liegen und deren Anwesenheit absolut zwingend war/ist? Rudolph Moshammers Liebe zu seinem Yorkshire Terrier Daisy ist jedem noch in Erinnerung. Doch jenes Tier eines Modedesigners, das sogar über einen Wikipedia-Eintrag verfügt, ist eine Katze: Karl Lagerfelds Choupette. Dabei heißt es doch in I want a Dog absolut schlüssig: "Oh, you can get lonely / and a cat's no help with that".

Der Hund von Christian Dior hieß Bobby und er verewigte seine Zuneigung mit der Betitelung eines Kostüms. Yves Saint Laurent nannte seine Französischen Bulldoggen stets Moujik, die auf vielen Fotografien auftauchen: zum Beispiel gemeinsam mit Saint Laurent auf Skizzen blickend, die auf dem Boden liegen oder neben dem Arbeitstisch hockend, während Saint Laurent, im weißen Kittel gekleidet, zeichnet. Und dann machen wir es einfach: Statt der Entwürfe, die im Moment der Aufnahme wohlmöglich entstanden sind, schieben wir Saint Laurent – es ist ein lauer Tag, das Fenster ist offen, die Verkehrsgeräusche, von der Pariser Avenue Marceau kommend, lenken ihn kurz ab – ein fast unmerklich stibitztes Blatt aus dem Video zu I want a Dog unter, in dem Hunde gescribbelt werden (sie werden mit "George" oder "Lilith" benannt). Irritiert blickt er, Saint Laurent, auf das Papier, schiebt die Schildpatt-Brille zurecht, nimmt kleine Korrekturen vor, erweitert und setzt in Schönschrift "Moujik" darunter.

"Wau, wau, wau, wau, wau."

*Vinyl-Single, Martin Hossbach, 2017

24 April 2017

George / Hibiscus

Aufnahmen von Demonstrationen, hunderttausendfach geteilt, millionenfach geliked, häufig auch dann, wenn Lebendiges auf Erstarrtes trifft, weich-fließende Alltagskleidung auf harte Schutzausrüstung oder eine einzelne Person einer Menge selbstbewusst gegenübertritt. So wäre es heute auch jenem Foto ergangen, das 1967 in Washington D.C. aufgenommen wurde, im Augenblick des Hypes unwissend, dass sich die zentrale Person auf dem Foto wenig später für eine andere Protestform entschieden hatte, mit der alle Gegensätze aufgelöst werden sollten.

Es muss ein freundlicher Tag gewesen sein, als sich der vom National Mobilization Committee to End the War in Vietnam initierte Protestzug am 21. Oktober 1967 in Richtung des Pentagon in Washington D.C. bewegt hat. Fotos zeigen, wie sich die Sonne auf dem Wasser des Lincoln Memorial Reflecting Pool bricht – oder ist es doch der Teich des West Potomac Park, wo die Demonstration startete? – Hemden, Blusen, leichte Pullis und Jacken; keine Schals.

Der 18-jährige George Harris III. aus New York hatte sich an diesem Tag für einen weißen Strickpullover entschieden, als er in Washington Halt machte. Ein geplanter Stopp? Ein Intermezzo? War er schon länger vor Ort? Denn im Herbst 1967 reiste er zusammen mit den Autoren Irving Rosenthal und Peter Orlovsky nach San Francisco. Zuvor lebte er drei Jahre mit seiner Familie in New York, wo er Schauspielunterricht nahm, neben Rosenthal auf Jack Smith traf und in dem Stück Gorilla Queen des Theatre of the Ridiculous von Charles Ludlam mitspielte.

Als der Protestzug das Pentagon erreicht hatte, warteten dort bereits Soldaten des 503rd Military Police Battalion. Ein Kader formte einen Halbkreis um die Demonstranten, zingelte sie ein. Auf dem Foto, das unter dem Namen Flower Power berühmt wurde, steht George den Soldaten gegenüber, die ihre Gewehre im Anschlag haben. Er umfasst einen kleinen Strauß Nelken mit der linken Hand und steckt einzelne Blumen mit seiner rechten in die Gewehrläufe. Der Fotograf Bernie Boston hält den Moment fest.

In San Francisco angekommen, die Hippie-Bewegung hatte mit dem Summer of Love ihren Zenit bereits überschritten, schloss sich George der Kaliflower-Kommune von Irving Rosenthal an und gründete später die Cockettes – bekannt für ihren "Alien Glamour" (Mike Kelley), bekannt für ihre Bühenshows und die Schaffung eines alternativen sozialen Raums abseits bestehender Normen – und darauf die Angels of Light.

George wurde Hibiscus: ständig auf LSD, in alte Kleider und Tücher gehüllt, Pailletten im Bart und opulentes Make-up tragend, ruinöser Drag – genderfuck heißt es im Zusammenhang der Cockettes erstmals –, barfuß auf den Straßen gehend. Er hatte sich von einem "preppy pacifist, all floppy blond fringe and chunky roll-neck sweater"-Typen der Ostküste in eine glitzernde, exaltierte Kunstfigur verwandelt, wie sie nur an der Westküste möglich schien. "Things are looser in the west".

Er war ein "Jesus Christ with lipstick".

21 February 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017

Möglicher Prolog

Ich bin 25 und am Ende. Das heißt: Ich fühle schon mal vor, als ich in Bochum an der Kreuzung Wittener Straße/Goystraße an der Ampel stehe und auf ein schwarzes Plakat starre. Es ist der Sommer 2007. Es ist heiß. Die Zweite Große Koalition hat Pause und die Losung scheint zu lauten: "Kapitulation". Grün auf Schwarz: "Kapitulation" – unter einer zu deutschen Sonne.

"Kapitulation": Jedes Mal, täglich, an dieser Kreuzung, gegenüber der Total-Tankstelle, in der ich mal gearbeitet habe, von der bald nur eine Brachfläche bleiben wird. "Kapitulation". Weiterhin. Wie lang eigentlich noch? Eine Woche? Zwei Wochen? Wer foltert mich?

Auch an S-Bahn-Haltestellen gibt es kein Entkommen. Unter dem Schild "Zu den Zügen" wirbt Congstar auf verschmutzten Fliesen für "Mobilfunk & DSL so einfach wie Fastfood". Daneben wird mir wieder zugeflüstert: "Kapitulation".

Ich drehe mich um und weg. Ich vermeide darauf unnötige Außengänge. Ich strecke in meiner abgedunkelten Wohnung alle Gliedmaßen symmetrisch von mir, und halte sie, wenn nötig, mit einem glatt gezogenen Laken getrennt, damit die Sommerhitze aus dem Körper gelassen werden kann, als ginge es darum, ein Fieber zu bekämpfen.

Das Plakat wird schon verschwinden. Das würde auch sonst zu teuer. Bestimmt. Radio und Fernseher bleiben aus. Das Modem wird nur zum Abrufen der E-Mails bedient. Etwas anderes schafft diese Verbindung zum Glück nicht mehr. Zeitschriften und Feuilletons gilt es zu ignorieren. Eine weitere mediale Konfrontation muss vermieden werden. Ich bin bereits beschäftigt. Denn ist es nun Meldung, Aufforderung, Mahnung, Hinweis, Rat, Provokation, Scherz, Ästhetik? "Für mich ist Kapitulation das schönste Wort der deutschen Sprache", sagt einer. "Kapitulation". Wem gilt es, wie ist es gemeint, verfügt es doch weder über Punkt noch Frage- oder Ausrufezeichen? Bin ich gemeint? Ein System? Eine Band? Der Hörer? Wer unterwirft sich wem? Und: bedingungslos?

Kapitulation von Tocotronic erscheint schließlich am 6. Juli 2007. Ich kaufe das Album nicht. Ich liege so rum. Ohne großes Geld. Ich leihe höchstens. Ich bestreite mein Leben aus einer Mischung aus Bafög, Halbwaisenrente und Kindergeld. Es kommen um die 800 Euro zusammen – fürs da sein. Da denkt man fast: toll. Ich befinde mich im letzten Semester meines Studiums und habe erstmals keinen Nebenjob mit der Hoffnung: Zeit. Wahrscheinlich mache ich aber doch etwas. Bedauerlicherweise gehe ich noch davon aus, dass das Aufbringen von irgendetwas in irgendetwas münden könnte. Schlüssige Begründungen kann dazu sicherlich Bourdieu liefern. Kurzum: Ich strenge mich also an. Verkrampfe.

Als ich vier Monate später Hartz IV beantragen muss, da die Einführung der Studiengebühren in NRW zum Wintersemester 2007/2008 den Gedanken an die unendliche Dehnung der Studienzeit zunichte macht und nichts in Sicht ist, als ich plötzlich in der Fortbildung "Excel, Internet, Power Point" sitze, die Betonung liegt auf Internet, während ich am Abend an einem Dissertations-Exposé werkle, das keiner für Geld will, als ich Monate später, zwei, drei, vier, fünf Jobs gleichzeitig habe, mindestens einer unbezahlt, mindestens einer, über den man nicht spricht, als ich Jahre später et cetera, et cetera, hätte es mir einfach wieder einfallen sollen: "Kapitulation".

Press 'play'.

5 February 2017

Die Retoure

Wenn man es doch schafft, ein Projekt abzuschließen, nach Jahren der selbst gewählten Folter, dramatisch gesprochen, obwohl man es doch als Genuss empfindet, das Arbeiten an etwas, das Können, das Wollen, das Dürfen, sich die Zeit dafür zu stehlen, und damit das Ziel eigentlich schon erreicht sein sollte, dann folgt darauf gelegentlich ein Vertragsabschluss. Auch wenn es sich, wie in meinem Fall, um eine Dissertation handelt, die, in, ja, ich muss es so sagen, streng limitierter Auflage erscheint und die Druckkosten selbst zu tragen sind – zusammengekratzt, immerhin unblutig.

Wenn wir jetzt annehmen, dass jeglicher Vertragsabschluss, nein, bereits das Lesendürfen eines Vertrags, einem Erfolg gleichkommt, da der Graben zwischen dem Ich und Welt etwas enger wird, so bilde ich mir ein, wird dieses Gefühl leider sofort wieder gedämpft. Grund hierfür ist der Absatz "Verramschung, Makulierung". Vom steten Zweifel abgehärtet, daher beruhigt, stelle ich fest, dass ich für mein Druckerzeugnis bei keinem verkauften Exemplar – und bei Rücknahme meinerseits (Ramschpreis, Versandkosten) – nur ein paar Regelböden* freiräumen müsste. Glaube ich. Hoffe ich. Strenge Limitation sei dank.

Kaum auszudenken, ich hätte in den letzten Jahren eine Band gegründet und hätte überzeugt und sehr stark auf physische Tonträger gesetzt. Natürlich keine Kleinstauflage, sondern 500, nein 1000, nein 2000 Stück, plus zusätzlichem Fanpaket (man hat's ja, woher auch immer) für die fiktiven, aber bestimmt kauffreudigen Fans – denn es war alles so gut und so gewollt, auch wenn nicht drängend genug, oder gerade eben zu drängend. Klar.

Wenn sich dann plötzlich ein Vertrieb bei mir melden würde, würde ich wahrscheinlich nicht mehr auf die Stückzahl achten, sondern nur noch auf das im Anschreiben vermerkte Gewicht. Was dann?

Da ist er wieder: Der Graben zwischen dem Ich und der Welt.

Würde ich alles in den feuchten Keller stellen und mich im Vergessen üben, da ich bereits aus Trotz am zweiten Album arbeite (diesmal nur Kassette)? Würde ich alles säuberlich in der Wohnung aufbahren – die Wände entlang. Würde ich alles heimlich in einem Studio verstecken wollen, irgendwo bei den alten Verstärkern und schwarzen Molton darauf legen (die Leichendecke). Würde ich Freunde fragen, ob sie für ihre Retouren schon Lagerraum angemietet haben? Würde ich auf die Deponie fahren? In die Wüste fliegen (Vergleich Atari)? Und was passiert mit dem Merchandise. Warum wollte bloß keiner diese blauen T-Shirts, die im Ankauf so günstig waren? (Weil wahrscheinlich nur die Kids auf dem Cover zu Washing Machine von Sonic Youth blaue T-Shirts tragen.)

Und wie wäre das Gefühl, wenn die Lieferung kommt und sich darin die falsche Platte befände, da der Vertrieb selbst nur den vollgestopfen Lagerraum freischaufeln lässt?

Was, wenn mein/ein Leben davon abhängt, da es doch kein Hobby war?

Wie klingen eigentlich Todesmelodien?

*(Die Regalböden bestehen aus Pressspan. Daher: Das Camp-Konzept. Ästhetik, Popkultur, Queerness ist ab diesem Frühjahr sicherlich irgendwo zu haben.)

31 January 2017

Der Trick

Rihanna oder Beyoncé oder Lady Gaga: Auf der Bühne tragen sie ein Kopf-Mikro, die In-Ears funkeln. Sie haben einen konzentrierten Blick und einen festen Stand. Am Körper: Ein enger Body, die Gliedmaßen umhüllt nichts störendes, Muskeln, Sehnen, gut gesetzte Make-up-Akzente, vielleicht ist Schweiß auszumachen.

Ihre Bilder stehen im Gegensatz zu jenen (Männern), die es mit locker sitzender Kleidung, einem ruhigen Blick, Lässigkeit und herablassenden Cool gerade noch schaffen, das Klinkenkabel in den Verstärker zu stecken, während Bier statt Wasser auf der Bühne verteilt wird.

Die 'Pop-Arbeiterinnen' trinken kein Bier. Sie narkotisieren nicht. Sie investieren. Muss wohl, wie Jens Balzer in Pop. Ein Panorama der Gegenwart schreibt: "Dass sie nicht singen und nicht komponieren können und keine Bühnenpräsenz haben, schadet ihrem Erfolg mitnichten. Wichtiger ist die Effizienz, mit der sie den universellen Mangel* verwalten: Bei ihren Konzerten kann man lernen, wie weit man heute kommen kann, ohne ein 'Ich' zu besitzen."

Doch warum "Ich", wenn sowieso kein Subjekt* im Pop erwartet wird und eine Marke genügt, geschaffen und erhalten durch ein Ensemble, dessen Arbeit auf den 'Star' metaphorisch übergeht und ihn gleichzeitig von dieser erhöht, gar dazu nütze ist, von der Arbeit zu befreien? "Arbeitsverweigende[r] Minimalismus", wie es zu Rihanna heißt. Der unterstellte 'Mangel' führt zu Gewinn.

Der hautenge Body des weiblichen Pop-Kapitals ist keiner. Es ist ein lustig bedruckter, langärmliger Einteiler, der zum hemmungslosen Gammeln einlädt, auch hier ist Bewegungsfreiheit oberstes Gebot, versteckt hinter einer – bildlich gesprochen – zur reinen Form werdenden Busby-Berkeley-Choreografie oder einer, aus ewig leichten Beinen bestehenden, choros line. (Hach, in einem Technicolor-Musical müsste man sich verstecken können.)

Der Body ist also ein Trick, Work Bitch ein geheimer Code der Verweigerung, der erkannt werden muss, indem er sich weiter aufbläht, sich selbst überhöht oder – vereinfacht – am Männerkörper parodiert wird.**

Nachtrag: * bzw. Authentizität; ** funktioniert besonders gut nach Nervenzusammenbrüchen, Gewichtszunahmen, Drogenmissbrauch, missglückten Schönheits-OPs, beruflichem Scheitern.

22 January 2017

Stumpf ist Trumpf

"Stimmt wahrscheinlich alles", überlege ich, hörender- und wippenderweise, affektiv, in das Kommetarfeld zur digitalen Bemusterung von Lieder ohne Leiden zu tippen. Ich halte mich zurück. Bloß nicht zu euphorisch werden, obwohl bereits die Präsentation der ersten Single Eigentumswohnung von Christiane Rösinger zu einem sofortistischen "Ja, ja, ja" geführt hätte, auch wenn die Überlegung einsetzte, wie toll das denn wäre, dieses Wohnen ohne Angst auf Kosten der anderen, um nicht in folgenden Wettbewerb miteintreten zu müssen: "Ich wohne auf 37 Quadratmetern", sagt sie. "Ich auf 32", sagt er. Passender Romantitel dazu: Kabuff revisited.

Doch nun zum Eigentlichen: Sie singt auch über das Lob der stumpfen Arbeit. Nach einem kurzen innerlichen Widerstand gegen dieses Lob, eine Phase von 3:48 Minuten, die gefüllt ist mit den üblichen Vorurteilen gegenüber der dominierenden zeitlichen Arbeits- und Freizeittaktung, der Redundanz der Tätigkeit, der Optimierung der Abläufe mit anschließender Erlebnissucht, setzt beim zweiten Hören und Zuhören ein zustimmendes, äußeres Nicken ein. "Der Fluch dieser Tage ist die kreative Plage [...] Den Markt bedienen, ohne was zu verdienen [...] Sich selbst ausbeuten, und das auch noch mit Freuden [...] Nach all den Jahren ist es so weit, ich sing das Lob der stumpfen Arbeit."

Der biografische Abgleich ist selbstredend: erfolgreich. Benutzt, beschämt, verzweifelt, sitzt man da und hört zu, im antrainierten Überlebensmodus: ich bin unerschöpflich. Daher fällt das Resümee zunächst zugunsten der "stumpfen Arbeit" aus, weil damit wohl eine Tätigkeit einhergeht, die sich dem Kreativitätskomplex und ihrer neoliberalen Verzahnung entzieht. Ausstieg durch Gewöhnlichkeit. Stumpf ist Trumpf.

Doch was, wenn die "stumpfe" Tätigkeit nicht nur ausgleichendes Hobby bleibt, das man sich leisten kann? Der Trendwunsch geht daher nicht zum Ausmalbuch, sondern zu einem - oder irgendeinem - Teilzeitjob, um somit den kreativen und ökonomischen Dauerdruck für 20 oder 30 Stunden in der Woche vom Cortex zu nehmen. Doch wenn die Chance dazu überhaupt besteht, dann ist die erarbeitete Freizeit schnell wieder gefüllt: weil das Geld oft nicht reicht und/oder weil das verinnerlichte Selbstverwirklichungs- und Kreatvititätsdispositiv zur Umschreibung der eigenen Biografie zwingt. Dann, wenn’s sein muss (ja, es muss sein) gerne ohne Rechnung. "Denn draußen ist alles da, auch wenn es niemand bezahlt hat" (eine andere Band).

"It’s a trap".

4 June 2013

Sexy und natürlich

Die weibliche Brust blitzte - wenn man sich diesem billigen Kalauer bedienen darf - in den letzten Wochen auf ungewohnte Art in den Medien auf. Neben den sonst boulevardesken "Busenblitzern" stand an unangefochtener Spitze Schauspielerin Angelina Jolie, die mit ihrer Brustamputation eine kurze Debatte über die Möglichkeiten und Grenzen der Krebsvorsorge losgetreten hatte. Der Akt selbst als Ausdruck einer radikalen Ästhetik der Selbsterfahrung blieb, bis auf einen Kommentar von Johanna Adorján in der FAS, unhinterfragt.

11 September 2012

Ein Disneyland-Feeling

Am 31. Januar 2012 um 14.01 Uhr hat mich eine E-Mail mit dem Betreff "Hello from Bahrain" erreicht. Beim Öffnen zeigten sich drei Bilder von der Absenderin Danja Mathari, die beruflich dort weilte, und einem befreundeten Architekten, der nur auf die Insel geflogen ist, um Unterlagen für einen Wettbwerb abzugeben. So bestand die Ortserfahrung für ihn allein aus dem Grund der Reise. Für die Berliner Musikerin boten die Hotels in Abu Dhabi, Dubai, Kuwait-Stadt, Manama oder Maskat und Doha immerhin für einige Wochen Unterschlupf. Doch viel Zeit blieb nicht, sich auf Orte einzulassen, die hierzulande für ihre rasante Entwicklung, Traditionslosigkeit nach westlichem Verständnis, und aus diesem Grund vermeintliche Künstlichkeit bekannt sind. Was bleibt also in dem flüchtigen, durch Sonnebrillengläser gebrochenen, Bild hängen, das einen Platz in der Erinnerung bekommt?

29 August 2012

POP - Kultur & Kritik

Morrissey und Hebdige, Kriegsbilder, Energie und Burnout, Gedenken auf Facebook, Lady Gaga, Staat und Wall Street...

20 August 2012

Immer wieder L.A.

L.A. ist keine Stadt, glaube ich. L.A. ist vielleicht eine Vorstellung von einer Stadt, die man in Europa nicht kennt. In der Mitte ist nichts.

L.A. kann das Synonym für die Summe aus Beton sein, oder für die Anzahl von Swimmingpools, Straßengangs oder eines Filmbudgets. L.A. ist vielleicht ein Versprechen, das Hollywood gemacht hat und nie erfüllen wird. L.A. sind Beschreibungen, gebündelt in einem imaginären Gespräch mit F. Scott Fitzgerald, Kenneth Anger und Tom Kummer. Oder ist L.A. ein Gefühl, ein abstraktes Bild, eine Erinnerung, ein Trauma, das einen nie mehr loslässt?

13 August 2012

Ab in die Mitte

Vor ein paar Jahren war es Sasha Grey, im Moment ist es James Deen. Zwei Pornodarsteller, deren Namen plötzlich dazu dienen, um im Feuilleton mindestens zwei Spalten zu füllen oder Interview- und Bildstrecken für das Lifestyle-Segment zu liefern. Für Mainstream-Medien ist es wohl ein ökonomisch dankbares Miteinander zweier massenkultureller Systeme, auch wenn die Differenz zum Eigentlichen – der Pornografie im Vordergrund steht.

17 February 2012

Erik Niedling: Ich mag

Der Künstler Erik Niedling lebt vom 1. März 2011 bis zum 29. Februar 2012 einer von Ingo Niermann entworfenen Anweisung folgend ein Jahr lang, als sei es sein letztes. Mit einer Bearbeitung von Volker Lechtenbrinks Lied "Ich mag" bedankt er sich bei allen, die ihm das Jahr über zur Seite standen.

18 January 2010

Zurück in der Realität

Ach, dieser Zweizeiler in der Überschrift dort unten. "They had made a movie about us". Fürchterlich, auch wenn es sich gemäß dem twitter-Account von Bret Easton Ellis um die erste Zeile des neuen Romans handeln soll, der im Sommer auf Englisch erscheint. (Anmerkung: Es interessiert nicht, ob es sich dabei um ein realistisches oder ästhetisches twitter-Profil handelt, denn die Realität lenkt zu oft ihren Fokus auf ihre Form. Die Zeichen werden spürbar, die Ästhetik erfahrbar. Achten Sie nur einmal darauf.) Statt der Doppelzeile also, die dieses Blogformat erzwingt, hätte ein Wort genügen müssen – vielleicht auch zwei. Nur treffend hätten sie sein sollen, auch ohne Verbindung zueinander.

Aber:

Das Schlagwort – so scheint mir - weint seiner Begriffshoheit hinterher, seitdem tags an Seiten gehängt werden, der Etikettierer auf Hochtouren semantische Sonderpreise hinterlässt.

Doch:

Zu unserem Vorteil lösen sich somit nicht nur starre Hierarchisierungen auf, sondern keiner schenkt mehr der Funktion des tags Bedeutung. Endlich erkennt man, dass die tagcloud weniger der Navigation als der Rhetorik dient. Endlich erkennen wir die Schönheit einer Rechnung in Höhe von 222 oder 333 Euro. Endlich fordern uns Listen wieder heraus, die Dinge neben- und gleichordnen. Endlich stört die anfängliche Bezuglosigkeit zwischen Überschrift und Bild nicht mehr.

Den semiotischen Dauerdruck lieben lernen.

Und man muss dabei nicht einmal eine Schildkröte vergolden.

3 December 2009

Heydü


Fatih Akins neuestes Projekt handelt von einer Muslimin, die sich in der Schweiz in einen einfachen Almjungen verliebt. Arbeitstitel: "Heydü". Eine einstweilige Verfügung, die es in Zukunft verbietet zu behaupten, Heydü wäre Heidi, erging bereits profilaktisch an die Erbengemeinschaft Johanna von Spyris. Ebenfalls eine einstweilige Verfügung erhielten die japanischen Heidi-Zeichner. (ACHTUNG: SATIRE!)