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28 May 2018

Im März war das Wetter schlechter

Sie haben geredet. Daniel Kehlmann und Salman Rushdie. Davon zeugt ein Interview. Sie haben geredet. Über ihre Arbeit als Schriftsteller, die gegenseitige Anerkennung und Freundschaft, sowie über ihr Leben in New York. Ich spüre ein Ziehen in der rechten Brust und ein Schmerz auf Hüfthöhe. Zwei Telefonate. Die Sonne ist ein Witz. Auf dem Cover des SZ-Magazins sind beide Autoren wie Vater und Sohn abgebildet. "Schreiben ist das Härteste, was ich je unternommen habe", steht da noch.

Ich sitze an meinem Sweat Desk und habe zwanzig Euro mit einer Rezension verdient. Mein monatlicher Mietanteil beträgt 300 Euro. Jenseits von New York höre ich meinen Nachbarn husten. Ich friere in meinem Bad. Doch der Wasserdruck ist gut.

"In größeren Städten wie Manhattan kann man nicht mehr auf interessante Weise arm sein", schreibt Chris Kraus in ihrem Roman Torpor und meint die Neunzigerjahre. Kehlmann redet von New York in den Siebzigerjahren und meint Berlin. Die Gegenwart. Die Geschichten zu beliebten Fotos, auf denen heruntergekommene Altbauwohnungen und Räume in Brown Stones zu sehen sind, wirken nur aus weiter Ferne oder auf Buchumschlägen schön. Sonst war man einfach sehr arm. Eh vorbei. Großstadt.

Containerpark jetzt.

Ich erhalte eine Nachricht aus Köln. "Warte seit hundert Jahren auf mein Geld aus München. In dieser Notsituation habe ich deinen Rewe-Gutschein gefunden. Mega Rettung. Danke. Großartig." Deutschlands Künstler. Ich antworte: "Leider weiß ich nicht mehr, wie viel Geld drauf ist. Mindestens zehn". Es waren 15 Euro. Woher kommen die Schmerzen?

Das Interview verliert mich weiter und ich bereite meinen Stimmzettel für die Oscar-Verleihung vor. Greta Gerwig erhält von mir den Preis für das beste Originaldrehbuch. Einfach so. Dabei denke ich an einen Dialog aus Frances Ha, in dem sie vor ein paar Jahren die Hauptrolle gespielt hat: "So what do you do?", wird Frances, die als Tänzerin scheitert und ihre Wohnung in New York verloren hat, von einem gewissen Andy gefragt. "Eh... It's kinda hard to explain", entgegnet sie. "Because what you do is so complicated?", insistiert Andy weiter. Darauf Frances: "Eh… Because I don't really do it".

Ich bin gar keine Autorin.

Ende der Sechzigerjahre schreibt Joan Didion: "Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde Nacht für Nacht bellten und immer Vollmond war". Sie erinnert sich an ein "großes Zittern", an eine "strudelartige Spannung", die sich in Los Angeles ausgebreitet hatte wie eine bedrohliche Dämmerung, die das Ende des letzten Tages ankündigt. Es ist die Zeit kurz vor den Morden im Haus der Schauspielerin Sharon Tate durch Mitglieder der Manson Family. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", kommentiert sie die anschließenden Reaktionen auf die Tat vom 9. August 1969. Der Abgrund als Gewohnheit bei Katastrophenwetter. "Erdbebenwetter", laut Raymond Chandler. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", denke ich die ganze Zeit, auch als Kehlmann und Rushdie nach der Metoo-Debatte in der Literaturszene gefragt werden.

Greta Gerwig bekommt keinen Oscar. Die Kleider auf dem Red Carpet sind bunt.

In der Woche darauf verdiene ich 210 Euro. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und verhungere nicht.

"Ich arbeite an etwas", kann ich nur noch bis 40 sagen, ohne die Erwartung einer monatlichen Ausschüttungen oder ein baldiges Erbe. In der Zukunft haben ich ein Problem, wie ich es in vielen Artikeln auf Spiegel Online gelesen habe. Ich sehe mich also als Frau, als Cat Lady, als Bag Lady. "Bag lady you can hurt your back", sang Erykah Badu.

Ich arbeite an etwas und unterdrücke ein Gefühl, als ein 18 Monate altes Kind für einen kurzen Augenblick mit der Wange eine Haarsträhne der Mutter berührt. Eine fast unbemerkte Geste der Zuneigung und Absicherung – liebevoll, heilend, unkritisch.

Es gab eine Zeit des Glaubens, als Tag für Tag eine Katze vor meinem Fenster hockte und um meine Aufmerksamkeit buhlte, während ich einen Film schaute, dem Pfad dieser Jungen folgte, Stand by me und ein Liter Eiscreme (Vanille, gut & günstig) und ebenso wie sie hoffte, den Umständen zu entkommen, während gleichzeitig der Wunsch nach einem Erzähler wuchs und wuchs, der sich erinnert und berichtet.
"I never gonna get out of this town am I, Gordy?."
"You can do anything you want, man."
"Yeah, sure."

16 February 2018

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 Closeup II

1000 Euro brutto, denkt sie, die Verkäuferin in Vollzeit, dort, an einer Bushaltestelle sitzend, durch die Neonbeleuchtung von der winterlichen Dunkelheit abgehoben, in den Fokus gerückt; dort, an einer von vielen Karl-Marx-Straßen.

1000 Euro brutto. Das war und ist für diese – jede – Region unterdurchschnittlich. Bis zu 2000 Euro brutto wären in dieser Stadt, um diese Karl-Marx-Straße gespannt, möglich: dank über 40 Jahren Berufserfahrung mit Leitungsposition, auch wenn in den Dokumenten zulange ‚mithelfende Ehefrau‘ stand. Das ahnt sie. Sorge und Angst überwiegen. (Dank der großen Witwenrente, so kann der Leser sich beruhigen, sind es wieder – immerhin – 1000 Euro netto und davon, die Erfahrung bezeugt es, kann sie neben Miete, Nebenkosten und Haushaltsgeld sogar das Auto abbezahlen, das ihr nach dem Tod des Mannes geblieben ist.) 1000 Euro netto.

Eine Frau an einer Bushaltestelle ruft mir etwas zu und reißt mich aus meinen eigenen Gedanken, in denen ich beim Blick auf die Straße – durch Frost und Nieselregen in ein Kleid aus Perlmutt, oder besser: in ein glitzerndes Universum verwandelt; die Unendlichkeit zu Füßen – verloren war. „I’m a connoisseur of roads“, fällt mir ein. „I’ve been tasting roads my whole life. This road will never end. It probably goes all around the world.“ Ich weine beinahe.

Ich möge ihren Hund kurz ausführen. Nur ein paar Meter mehr für den Hund. Sie schaffe dies nicht mehr. Sie sei müde. Ihr Hände seien geschwollen. Und erst die Füße. Immer sind es die Füße, die schmerzen.

Der Hund, ein Havaneser, und ich blicken uns fragend an. Zögernd ergreife ich die Leine und gehe langsam los.

7 August 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Closeup

Mit der selben Überraschung, die ich früh am Morgen über das rege Treiben auf den Bahnhöfen und in den Zügen verspüre, warte ich an drei Tagen zwischen 21 und 24 Uhr auf einen Regionalzug, der mich in die nächste Stadt nach Hause trägt. Jeder ist da.

Umso später die Stunde, umso härter die Nackenmuskulatur, die mir trotzig zeigt, dass meine Haltung während der zuvor verrichteten Arbeit falsch war. Ich dulde den Schmerz. Ich war schnell. Zur Belohnung esse ich eine Waffel am Stiel – ohne Puderzucker. Ich sehe das Gras zwischen den Gleisen, das schon immer da war und grün schimmernd zwischen den Steinen wächst. Inmitten der Halme sind Mäuse auf der Suche nach Futter zu sehen. Eine huscht mir auf dem Bahnsteig über die Schuhe. Sie sind nur hier, weil wir es sind.

Beim Gang durch die nächtliche Stadt meinst du mich, wenn du über die Lichter in den Bürogebäuden sprichst. Wir sind es. Jeder ist in seinem Großraumbüro allein. Es gibt keine Namen. Für zehn Euro die Stunde bin ich die, die dir die Startseite aktualisiert und dir das Gefühl des ewigen Jetzt gibt. Ich erschaffe dir unendliche Welten aus Bildern. Ich unterhalte dich mit einer Umfrage und einem Quiz. Ich schreibe eine Glosse zu dem Aufregerthema des Tages, die du nicht lesen wirst. Ich gleite durch Twitter und Facebook, um nachzuvollziehen, was dir gefällt. Reicht es für einen Artikel? Ich nehme freundlich die Texte freier Mitarbeiter entgegen und bedanke mich. Ich sorge dafür, dass erzählende Elemente aus den automatisch einlaufenden Printartikeln entfernt werden und die Idee getötet wird. Die Story lebt, doch nach mir gibt es keine Überschriften und Einleitungen mehr, sondern nur noch Headlines und Teaser. Kommst du mit mir hinter den Vorhang? Ich lösche eure Kommentare, wo auch immer ihr zu laut sprecht, und schreibe, wenn es die Zeit zulässt, höflich im Namen der Redaktion. Während du und zehn andere entrüstet antwortet, kündige ich die letzten Sportergebnisse in den sozialen Medien an und bearbeite fortlaufend den Posteingang. Ich warte auf einen DPA-Artikel. Ich warte auf neue Bilder. Das Telefon bleibt still. Heute ist nichts passiert.

Nach ein paar Stunden verfasse ich eine Übergabe per E-Mail. Ich rede über Inhalte und Aufgaben, ich meine Workloads.

Irgendwann war es wie abwaschen. Ich war im Fluss. Ich war fehlerfrei.

Ich habe dabei Musik gehört.

"Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017", eine Erzählung, Format und Ausmaß unbestimmt. Bisher erschienen: Prolog, Die Tiefpunkte, The Culture I, Überforderung

22 June 2017

Im Verborgenen

Vor einiger Zeit veröffentlichte das Magazin Metamorphosen einen Call for Papers zum Thema Arbeit. Ich habe den Aufruf kurz vor Ablauf der Deadline wahrgenommen, als ich einen Businessplan verfassen musste, dessen literarische Qualitäten gemessen am Grad der Wahrhaftigkeit groß, die poetische Finesse jedoch gering war. Daher habe ich den Gedanken verworfen, diesen Text als Beitragsvorschlag einzureichen. Ebenso außer Frage stand die Einsendung einer alten, nicht veröffentlichten Kurzgeschichte über eine Textarbeiterin, die über das Ruhrgebiet berichten soll, das nur noch ein großes Loch mit wenigen belebten Zonen ist, weil zu einem unbestimmten Zeitpunkt sämtliche alten Bergwerksstollen eingebrochen und synchron fast vergessene Weltkriegsbomben hochgegangen sind. Eines der wenigen unbeschadeten Gebäude ist das Opel-Werk in Bochum, das zu einem (unbesuchten) Museum des 20. Jahrhunderts umgewandelt wurde, in dem jeder Besucher, so der Gedanke, selbst Autofahren kann und eine Wand zu bestaunen ist, auf der sämtliche Ölpreise festgehalten wurden. Daher blieb lediglich der Versuch, einen neuen Text zu verfassen.

Die Deadline verstreicht, als ich spazierend in das Album Mach’s besser von Die Sterne höre, auf der Peter Licht eine rührende Version von Universal Tellerwäscher darbietet. Während das Original zum Tanz verleitet und die Konzentration auf der Bewegung liegt – auch wenn es nur eine gedankliche ist – rückt die balladeske Interpretation den Text in den Fokus.

"Er kennt sich schon Lange
Und er kann sich nicht mehr sehen
Dabei gibt es wirklich 1000 schöne Filme über ihn

Als den Universal Tellerwäscher
Im Studio
Er wäscht wirklich Teller
Er tut nicht so"

Stimmt. Der Tellerwäscher macht seine Arbeit wirklich. Wir sehen ihn in strobohaften Sequenzen während des Restaurantaufenthaltes, wenn sich die Schwingtür zu Küche hin öffnet und nur zögerlich beruhigt. Dort hinten am Edelstahlbecken steht er und wäscht Teller in Weiß gekleidet.

"Er wäscht keine Teller / Er tut nur so", führe ich den Refrain in Gedanken weiter. Und variiere, ohne das zuvor gedachte durchzustreichen: "Er wäscht wirklich Teller / Doch tut so als ob nicht".

Denn, so scheint mir, manifestiert sich Arbeit in einigen Bereichen dadurch, dass Insignien einer unterstellten Leistung zur Schau getragen werden, die eigentlich ausgebübte Tätigkeit unbekannt (weil schon verschwunden?) ist. Oder es wird durch schmal geschnittene Anzüge, edle Businesskostüme, Fashion oder exzessiver leisureness eine bestimmte Position oder (zeitlicher) Wohlstand ausgedrückt, was noch mit der Vorstellung von erbrachter, erfolgreicher Arbeit einhergeht, doch die damit verbundene Bemühung verschleiert bleibt. In letzterem Fall sind wir wieder in Hollywood: Kaum war Marylin Monroe im August 1962 verstorben, nutzte Andy Warhol für sein Marylin Diptych ein Pressefoto zu dem Film Niagara aus dem Jahr 1953. Das Zusammenspiel des ursprünglichen Fotomaterials, das Monroe als type geprägt hatte, mit der Überhöhung im Werk lenkt in dem Moment den Fokus auf die Künstlichkeit der Figur, als die Bilder des toten Körpers der Schauspielerin und des zerwühlten Bettes kaum verblasst waren. All die Anstrengung, all die Arbeit, bis dahin im Verborgenen gehalten, wurde kurz sichtbar.

Wäre sie doch faul geblieben.

3 June 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Überforderung

Am 13. August 2009 erhalte ich eine Kündigung. In dem Schreiben heißt es: "Die schlechte wirtschaftliche Lage lässt eine Weiterbeschäftigung leider nicht mehr zu. Die kurzfristig geführten Gespräche mit der Bank ergaben nicht den erwünschten Erfolg".

Da ich mich nur elf Monate in einem Angestelltenverhältnis befunden habe, bedeutet das für mich erneut: Hartz IV. Mit dieser Perspektive und nach einem Besuch bei der Agentur für Arbeit, wo mir mit einer Mischung aus Herablassung und Überdruss begegnet wurde, mache ich meinem Noch-Arbeitgeber den Vorschlag, mich für die gleiche Arbeitszeit (20 Stunden) zu einem geringeren Lohn weiter zu beschäftigen. Dieser liegt brutto nur knapp über dem Hartz IV-Niveau bei 700 Euro, erspart mir jedoch den Gang zum Amt. Ich dumpe mich selbst. Ich werde nicht darüber reden.

Er stimmt zu. Ich arbeite weiter. Nach einen Monat erhalte ich bereits wieder mehr Lohn, dieser liegt jedoch bis zu meiner selbst ausgesprochenen Kündigung bei rund 900 Euro und so dauerhaft 200 Euro unter meinem Startgehalt von 1100 Euro monatlich.

Bis Ende 2010 arbeite ich also Dienstag und Mittwoch in Paderborn sowie Donnerstag von 8 bis 12 Uhr im Home Office. Aus Angst erneut gekündigt zu werden und aufgrund von Geldeinbußen bin ich zusätzlich freiberuflich als Online-Redakteurin für zehn Euro die Stunde bei einer Lokalzeitung tätig. Meistens sitze ich Freitagabend und Samstagnachmittag allein in der Redaktion, immer häufiger auch Sonntagnachmittag. Im Fachjargon bin ich eine Content-Schuppse. Wenn ich zweimal im Jahr einen bezahlten Lehrauftrag nachgehe, findet dieser an drei Wochenenden jeweils freitags und samstags statt. In diesem Zeitraum arbeite ich nur sonntags in der Online-Redaktion.

An Montagen versuche ich regelmäßig von 11 bis 16 Uhr an meiner Dissertation zu arbeiten. Wenn ich es schaffe, einen Text zu lesen und zu exzerpieren, ist es ein guter Tag.

Es gibt nur selten gute Tage. Ich fühle wenig. Ein Bier geht immer.

Ende 2010 kündige ich meinen Job in Paderborn. Ich liefere meinem ehemaligen Arbeitgeber für eine 450-Euro-Pauschale im Monat jedoch weiterhin ein paar Texte für seinen Unternehmens-Blog. Aufwand: etwa ein Arbeitstag wöchentlich. Ich weite ab 2011 meine freiberuflichen Tätigkeiten als Online-Redakteurin aus und komme gut um die Runden. Ich gewinne an Zeit, bilde ich mir ein. Doch wenn ich von 18 bis 23/24 Uhr im Akkord arbeite, kann ich am nächsten Tag doch nicht um 9 Uhr wieder am Schreibtisch sitzen und mit Haltung schreiben. Das werde ich mir nie eingestehen. Übermüdung. Frustration. Ich bin von dem ausgeglichenen Jobcocktail der Rösinger’schen Gleichung weit entfernt (künstlerische, in meinem Fall wissenschaftliche, unbezahlte Arbeit 50 %, Brotjobs 25% und coole, schlecht bezahlte Aufträge im kulturellen Bereich 25%)*.

Wenig Sinn für Schönes also. Kaum Erinnerung an Musik und Literatur. Leere. Statt mir einzugestehen, dass ich lieber mehr literarisches und journalistisches Schreiben üben wollen würde, komme ich auf die Idee, Donnerstagnachmittag einen unbezahlten Lehrauftrag von 18 bis 20 Uhr anzubieten. Fürs Ego, denke ich. Für den Lebenslauf, denke ich. Muss ja, denke ich. Ein Fehler. Die letzte Bewerbungen und somit Absagen auf eine wissenschaftliche Stelle habe ich 2009 verfasst beziehungsweise erhalten. Ich bin nur noch eine Pose – eine schlechte. Eine Entzündung am Arm wollte im Sommer 2010 nicht heilen.

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 bisher: Prolog, Die Tiefpunkte, The Culture I

*siehe: Christiane Rösinger, Das schöne Leben, Fischer Taschenbuch, S. 191.

7 May 2017

Unternehmer wie wir

Staaten können wie Unternehmen geführt werden. Das eigene Leben somit auch, beispielsweise indem unliebsame Aufgaben an externe Dienstleister ausgelagert werden. Das kostet zwar, aber das finanzielle Investment soll zur Maximierung eines noch höheren Gutes dienen: Zeit. Dieser stehen die größten Probleme eines erfüllten, modernen Lebens im Wege: Putzen und Kochen.

Die Gebeutelten haben daher zahlreiche Plattformen zur Verfügung, die Reinigungskräfte vermitteln: einfach und günstig. Implizierter Grund für die Buchung ist hier keine bloße Abneigung gegen das Putzen, sondern fehlende Zeit. Diese wird Dank der tatkräftigen Unterstützung zwar nicht zurückgewonnen, muss aber ebenfalls nicht von der Freizeit abgezwackt werden.

Wehmütig sind nur jene, die die kontemplative Wirkung des Staubsaugens zu schätzen wussten, die inspirierenden Bewegungen des Badputzens und den gelegentlich aufkommenden Unmut gegen alles. Ein Gefühl, das einfach zugelassen und ertragen wurde.

Auch Kochen ist eine Last und Essen eine schlichte Notwendigkeit – zudem gibt es ein Problem: urplötzlich eintretender Hunger, ein leerer Kühlschrank, Überstunden, eine dreckige Küche, schlechtes Wetter zum Einkaufen, körperlich spürbarer Liebeskummer, ein schwerer Hangover. Klar: in solchen Fällen wird eine Nummer gewählt. Und plötzlich wird die Zeit des unnötigen, kräftezehrenden Herumstehens in der Küche abgelöst von "Deiner Zeit", so das Werbeversprechen. Nichts schöner als das. Meine Zeit. Unsere Zeit.

Zeit, in der ich hungrig warte, das Magenknurren zähle, die hereinwehenden Früchte des Löwenzahns beobachte, die ihr haarigen Flugschirme auf meinem Bett abwerfen, die ich dann durch meine Atmung in Bewegung halte. Kleine bauschige Freunde. Zeit vergeht. Vorbei das leidvolle Umrühren einer Hühnerbrühe, deren Duft einen bloß wieder in die Fänge der Melancholie schuppst.

Doch die Momente gehören uns nicht. Denn wird die 'gewonnene' Zeit tatsächlich dazu genutzt, um diese mit sich, mit der Familie und Freunden zu verbringen? Meistens wird dann doch nur gearbeitet, um sich den Service leisten zu können. Die Effizienzheinis freuen sich, weil so die entscheidende Warum-eigentlich-Frage nicht aufkommt. Zur Vorbeugung wird schnell die Jeggings angezogen, um bloß keinen Widerstand, bloß kein Problem am Körper zu spüren, kein nerviges Zwacken, das auf etwas Größeres hinweist, mit dem sich der Mensch auseinandersetzen müsste, gar lernen müsste damit zu leben. Doch warum auch: meinem Avatar geht es doch gut.

9 April 2017

Eigentlich. Aber. Und.

Andy: So what do you do?
Frances: Eh… It’s kinda hard to explain.
Andy: Because what you do is complicated?
Frances: Eh… Because I don’t really do it.

(aus: Frances Ha, 2012)

Im Dezember 2006 schrieb Georg Diez in der Tempo-Jubiläums-Ausgabe "Gegen die Eigentlichkeit" an. Das Phänomen dieser "Neuen Eigentlichkeit" konnte er an all jenen beobachten, die sich zwischen mehreren, meist schlecht bezahlten Jobs bewegten, und das, vor ihrem Notebook sitzend, Naan-Pizza essend und Espresso Latte trinkend, schöngeredet haben – wabernde Musik hörend. Möglich, weil ihnen ein kleines Wort beiseite stand: "eigentlich". Es verhinderte die Bekenntnis zur Unentschlossenheit, wodurch die persönliche und gesellschaftliche Misere geschickt vernebelt wurde. (Statt: "Ich kellnere zwei bis drei Mal die Woche und arbeite als [...], weil ich von der Tätigkeit als [...] nicht leben kann" hieß es: "Ich kellnere, aber eigentlich bin ich [...]").

Die Neue Eigentlichkeit attestierte er für Deutschland, wurde in dem Beitrag aber insbesondere an Menschen zwischen 20 und 30 Jahren in Berlin-Mitte exemplifiziert: "Sie sitzen in Prenzlauer Berg in Ladenbüros, die aussehen wie ein Modesalon, der eigentlich eine Galerie ist, die eigentlich ein Architekturbüro ist, das eigentlich ein Restaurant sein soll. [...] Sie sind Popstars, die Kellner sind, oder Praktikanten, die noch eine zweite Karriere suchen".

Sie waren gerne eigentlich und betrachteten sich als gleichberechtigter Spieler in der Flexibilitätsarena.

Ebenso wie Adorno in "Jargon der Eigentlichkeit" die offizielle Sprache der Nachkriegszeit kritisierte, weil er in dieser eine Verlogenheit erkannte, die es auch vermochte, "Nichts als Etwas" zu bezeichnen, stand der Eigentlichkeitsgebrauch anno 2006 bei Diez für eine Romantisierung der Ausbeutung. Von oben wurden Ideen vom Projekt des Lebens, der Flexibilität und des Optionismus als Wahl offeriert, obwohl es für viele bereits ein Diktat war.

Die Eigentlichkeitskultur besteht weiterhin. Obwohl jenes Eigentlich durch ein Und ersetzt werden kann. Denn es bleibt beruflich das, was es schon immer war: eine Aneinanderreihung von Jobs. Jeder muss alles sein. Ein Ich sucht Verwertungskette. Matthias Schweighöfer singt. Andere sind dauergestresste Allrounder geworden, die keine Chance mehr haben, ihre Fähigkeit oder ein Talent besonders stark auszuprägen, aber dafür über drei weitere Skills so gut verfügen, dass sie weder positiv noch negativ auffallen und dadurch die Miete zahlen können. Man nennt es Standbeine, zu denen eine als Album getarnte Playlist die richtigen Songs bereithält.

3 April 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
The Culture I

Berlin ist ein stummes Standbild mit bestreikten Sonntagsstraßen um 21 Uhr. Die Stimme zum Bild hat einen starken anhaltinischen Akzent. Nach dem mitleidsvollen "Thank you for travelling with Deutsche Bahn" erinnere ich mich, dass ich meinen originären Dialekt verloren habe. In welchem Mund ich ihn spuckte, weiß ich nicht mehr. Der Verlust kam dem Austausch des eigenen Bildes gleich. Im Visier immer der befreite Klang. Bevor ich am Ostbahnhof aussteige, dringt der Geruch von frisch gewaschener Wäsche aus meinem Rucksack zu mir durch. Da ich Berlin nicht hören kann, mache ich die Stadt zu einer Wiese im Frühling. (Anfang des Minusvisionen-Eintrags I lost my De:Bug in Moabit (1), März 2008)

Mein kulturelles Jahr 2008 endet damit, dass ich an einem Oktoberabend in der Galerie Zern in die US-Armee eintrete und mich durch die Anreise verschulde. Es werden – trotz Spartickets – wie nach allen Fahrten in dieser prekären Zeit, für die ich mich beim Arbeitsamt hätte abmelden müssen, also sehr dürre Wochen folgen, die lieblich-bitter nach Nudeln mit Zucker schmecken. Hin und wieder ein Päckchen mit Lebensmitteln in der Post samt einer Tafel Schokolade in wiederverschließbarer Verpackung darin, in der 20 Euro stecken.

Von jenem Army-Abend bleibt ein digitales Foto vor weiß-roter Flagge als Beleg und die Hoffnung, dass das alles nur ein Scherz war. Im heißen Juni 2007 bestand das Relikt Marke Berliner Semiotik noch aus drei iranischen Münzen, die mir Christian Kracht am letzten Abend der Wissenschaftsakademie in die Hand gedrückt hatte.

Identität wiegt schwer. Ich trinke auf meine schicksalhafte Tat und ihre Folgen in der Bar Babette, wo eine Veranstaltung des Verbrecher Verlags stattfindet. Doch ich bin ausnahmsweise nur wegen der Getränke dort. Ich lese wenig. Bücher sind teuer. Essen auch. (Ich erinnere mich für 2008 nur an Leihgaben aus der Stadtbibliothek oder von Freunden wie Lyrische Novelle von Annemarie Schwarzenbach, Ein Gast und Das Bad von Yoko Tawada, vielleicht noch etwas von Truman Capote, der 2007 prägte. Ich kaufte Softcore von Tridad Zolghadr sowie Lunar Park von Bret Easton Ellis als Mängelexemplar. Dann hört die Erinnerung auf.) Die Nacht ist kühl und trocken. Das Taxi billig. Im Gepäck habe ich das Ausstellungsplakat zu Join the U.S. Army, das mit Lippenstift signiert wurde und deren Herstellung Erik Niedling gesichert hatte.

Nach einer Übernachtung bei Schulfreunden in der Nähe des Frankfurter Tors empfiehlt mein überteuerter Moleskine-Taschenkalender (Softcover) für den 2. November einen Besuch in der Galerie MD72 und einen Gang in die Temporäre Kunsthalle. Ich folge der Notiz und besuche die Galerie, weil ich hoffe, The Wishing Machine betätigen zu dürfen. Ich hab's nötig. Im April saß ich bereits auf einem Brandenburger Schloss vor einer Dreamachine und folgte dort dem Flickern auf meinen Lidern. Keine Drogen. Keine Vision.

Zurück in der MD72: Ich darf. Ich schreibe den Wunsch auf einen Zettel und lege diesen in einen kleinen bräunlichen Kasten mit Antenne. Ich bediene einen Kippschalter. Klack. Ein Lämpchen leuchtet auf. Die Maschine läuft. Klack. Vorbei. Nichts. Berliner Herbst. Immer noch nicht reich. Auf knarzenden Parkett verlasse ich den Altbau, einem Paar im Partnerlook folgend.

In der blau-weißen Temporären Kunsthalle auf dem Schloßplatz wird die Ausstellung Inner + Outer Space von Candice Breitz gezeigt. Es ist voll. Touristen wie ich. Gefühle und somit eine Erinnerung bleiben beim Blick auf installierte Bildschirme aus, immerhin gibt es draußen noch wenige stählerne Reste des Palasts der Republik zu suchen.

Bei diesem wiederholten Gang durch Berlin trage ich den selben Secondhand-Wollmantel wie am 10. März, als im Hebbel am Ufer die Pyramiden-Gala stattgefunden hat. Jener zweite Höhepunkt des Projekts Die Große Pyramide – ein Grabstädte für die Menschheit als Infrastrukturmaßnahme – nach dem Pyramidenfest 2007 am damaligen potenziellen Entstehungsort Streetz/Natho. Wurde jener Tag eingeleitet durch die Spielmannszugversion von The Final Countdown, versprach das Programm in Berlin folgende Mischung: Rem Koolhaas, Momus, Jens Friebe und und und.... Aftershow mit Carsten Jost im WAU.

Alle waren da. Großes und Kleines Hallo. Zuprosten.

Ich kann mich kaum an etwas erinnern. Ein Gefühl von Hilflosigkeit. Ich trinke allein. Ich habe das schwarze Kleid wie später im April in Brandenburg getragen.

Durch Irmgard Keun geschult, bin ich erleichtert, dass mein Wollmantel nicht der Feh aus dem Roman Das kunstseidene Mädchen ist. Es ist noch Luft nach unten oder oben. Und ich bin weder in einem Wartesaal noch in Berlin oder Köln, aber irgendwo dazwischen und schreibe sinnlose Bewerbungen ("Bitte bewerben Sie sich nicht mehr", heißt es einmal).

Ich werde mich und meinen Mantel später nur auf einem kleinen, dunklen Foto erkennen, das in meinem Facebook-Newsfeed auftaucht. Im Moment der Aufnahme muss der Fotograf auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden und seine Kamera auf das HAU gerichtet haben. Ich hätte das liken können.

(Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 erscheint monatlich auf Minusvisionen. Die Form bleibt unbestimmt.)

16 March 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Die Tiefpunkte

(Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 erscheint
monatlich auf Minusvisionen.)

Ich bin von Januar bis Oktober 2008 arbeitslos. Ich erhalte Arbeitslosengeld II. Vom 1.1. bis zum 30.6. bekomme ich monatlich 664,64 Euro. Ab dem 1.7. bis Oktober sind es 668,64 Euro. Die darin enthaltene Höhe zur Sicherung des Lebensunterhalts beträgt zu diesem Zeitpunkt 347 Euro. Abzüglich der Kosten für Strom, Festnetz, Internet, Handy, Monatsfahrkarte sowie für zwei bis fünf Bewerbungen monatlich verbleiben mir durchschnittlich 160 bis 180 Euro zum Leben. Hin und wieder frage ich meine Mutter nach 20 oder 50 Euro sowie nach Lebensmitteln per Post, in Abständen verdiene ich mir 50 bis 100 Euro bar durch einen Nebenjob dazu.

Ich wohne allein. Ich spreche daher wenig, insbesondere nachdem die sogenannten Fortbildungen abgeschlossen sind. Wenn keine Anrufe erfolgen: bis zu einer Woche – gar nichts. Ich hätte damals auf Minusvisionen ein Protokoll führen können. Ingo hätte das sicherlich gefallen. Doch das kommt mir nicht in den Sinn. Die Blog-Einträge werden Ende 2007 bis 2008 immer öfter sehr kryptisch. Es gibt kein außen mehr.

Am 6. Juni 2008, an meinem 26. Geburtstag, bekomme ich die DVD zu Fassbinders Angst essen Seele auf geschenkt. Ich sage: "Toll". Und bedanke mich.

Der Bildungsgutschein

Ich bin in einem kleinen Raum innerhalb eines Gebäudes mit Klinkerfassade angekommen. Ich werde nun verwaltet. Noch darf ich den Haupteingang nehmen, später wird es ein Seiteneingang für ALGII-Empfänger sein. Damit ich nicht vergesse, wo ich stehe: am Rand.

Ich werde in diesem kleinen Raum keine Eingliederungsvereinbarung unterschrieben. Denn ich erhalte sofort einen Bildungsgutschein. Das Symbol für das großes Geschäft zwischen der Arbeitsagentur und der jeweiligen Bildungsträger. Das goldene Ticket. Denn für Staat und Bildungseinrichtung ist es eine Win-win-Situation: der Träger verdient, die Arbeitsagentur muss mich nicht als 'arbeitslos' führen.

Ich befinde mich also in einer Weiterbildung. Diese besteht zunächst aus einem dreimonatigen Kurs für "Business English", den ich täglich von 8 bis 15 Uhr besuchen muss. Nach dem ersten Monat werden die Inhalte wiederholt, weil stets neue Teilnehmer in den Kurs kommen. Jeder hört somit alles drei Mal. Jeder besitzt jegliche Arbeitsblätter in dreifacher Ausführung. Jeder hatte die Chance, drei Mal seinen Text aufzusagen. Es scheint fast ein ästhetizistischer Ansatz vorzuherrschen. Auf Business English folgt der vierwöchige Kurs "Excel, Internet, Power Point". Mir wird unter anderem die Google-Bildersuche erklärt.

Der Körper

Ich habe zu Beginn der Fortbildung zwei Wochen lang Magenschmerzen. Ein neues Gefühl. Kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch wenn ich das Bedürfnis nach einer Krankschreibung habe, suche ich keinen Arzt auf.
Im Laufe des Jahres schlafe ich abends immer schlechter ein. Ich spüre mein Herz, deutlich, manchmal zu stark, so als hätte ich ständig zu viel Weißwein getrunken. Ich google. Ich verunsichere. Nach Monaten werden ein Langzeit-EKG und ein großes Blutbild gemacht. Nichts. Ich bin beruhigt. Ab 2009 werden die Symptome seltener.

Die Paranoia

Ich wohne in einem Erdgeschoss in einer Einzimmerwohnung zur Straße hin. Jeden Morgen stehe ich weiterhin um 7.30 Uhr auf. Ich gehe zum Fenster und ziehe meine Rollläden hoch. Nach diesem Vorgang gehe ich wieder ins Bett. Bleiben die Rollläden zu lange unten, bilde ich mir ein, dass jeder weiß, was los ist. Ich befinde ich mich dann in Die innere Sicherheit mit im Wagen der Flüchtenden, die an einer Kreuzung bei Rot halten müssen und jedes bremsende Auto um sie herum eine potenzielle Gefahr darstellt, hochgenommen zu werden. Doch die Autos fahren. Ich bleibe liegen. Die Position meiner Rollläden interessiert keinen.

Die Verzweiflung

Es ist Dienstag, Mitte Oktober 2008, die Lehman-Brothers-Pleite liegt einen Monat zurück. Ich stehe um 5 Uhr morgens an einem Gleis des Bochumer Hauptbahnhofs und warte auf einen Regionalexpress. Ich habe einen Job in Paderborn angenommen, für den ich um 4 Uhr aufstehe, um pünktlich zu sein. Grund: die einzige Zusage. Ich bin müde. Drei Tage in der Woche werde ich nun müde sein. Müdigkeit schmerzt. Nach einem halben Jahr stehe ich eine Stunde später auf. Die Müdigkeit wird bleiben.

Die Rückzahlung

Ende Oktober erhalte ich mein erstes Gehalt. Am 5. Januar 2009 erfahre ich, dass dieses an die staatlichen Leitungen angerechnet wurde, die ich Ende September für Oktober erhalten habe. Ich muss die Leistungen für Oktober fast vollständig zurückzahlen: 632,92 Euro. Ich spreche persönlich vor. Man verstehe die Problematik. Es wäre bedauerlich. Ich hätte mir meinen Lohn halt zum 1.11. überweisen lassen sollen.

Der Preis

Mitte 2008 reiche ich eine Kurzgeschichte zu einem Literaturwettbewerb in Bochum ein. Das Motto lautet: "Geld schreibt". Mein Text schafft es unter die letzten Zehn, die bei einer Lesung Ende 2008 von den Autor*innen vorgetragen werden sollen. Dort darf dann das Publikum abstimmen. Da Freunde anwesend sind, schaffe ich es auf den dritten Platz. Mein Text wird in einer Anthologie veröffentlicht.

Auf meiner Urkunde steht, dass ich 200 Euro Preisgeld bekomme. Leider muss ich mir den Preis mit jemandem teilen. Das erfahre ich erst später, als ich die 200 Euro durch die Leihgabe eines Freundes schon längst ausgegeben habe. Denn ich wollte damals nach Berlin. Ich wollte in der Galerie Zern der US-Armee beitreten*.

*Ingo Niermann, Join the U.S. Army, 31.10. – 14.11.2008, Galerie Zern, Berlin

21 February 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017

Möglicher Prolog

Ich bin 25 und am Ende. Das heißt: Ich fühle schon mal vor, als ich in Bochum an der Kreuzung Wittener Straße/Goystraße an der Ampel stehe und auf ein schwarzes Plakat starre. Es ist der Sommer 2007. Es ist heiß. Die Zweite Große Koalition hat Pause und die Losung scheint zu lauten: "Kapitulation". Grün auf Schwarz: "Kapitulation" – unter einer zu deutschen Sonne.

"Kapitulation": Jedes Mal, täglich, an dieser Kreuzung, gegenüber der Total-Tankstelle, in der ich mal gearbeitet habe, von der bald nur eine Brachfläche bleiben wird. "Kapitulation". Weiterhin. Wie lang eigentlich noch? Eine Woche? Zwei Wochen? Wer foltert mich?

Auch an S-Bahn-Haltestellen gibt es kein Entkommen. Unter dem Schild "Zu den Zügen" wirbt Congstar auf verschmutzten Fliesen für "Mobilfunk & DSL so einfach wie Fastfood". Daneben wird mir wieder zugeflüstert: "Kapitulation".

Ich drehe mich um und weg. Ich vermeide darauf unnötige Außengänge. Ich strecke in meiner abgedunkelten Wohnung alle Gliedmaßen symmetrisch von mir, und halte sie, wenn nötig, mit einem glatt gezogenen Laken getrennt, damit die Sommerhitze aus dem Körper gelassen werden kann, als ginge es darum, ein Fieber zu bekämpfen.

Das Plakat wird schon verschwinden. Das würde auch sonst zu teuer. Bestimmt. Radio und Fernseher bleiben aus. Das Modem wird nur zum Abrufen der E-Mails bedient. Etwas anderes schafft diese Verbindung zum Glück nicht mehr. Zeitschriften und Feuilletons gilt es zu ignorieren. Eine weitere mediale Konfrontation muss vermieden werden. Ich bin bereits beschäftigt. Denn ist es nun Meldung, Aufforderung, Mahnung, Hinweis, Rat, Provokation, Scherz, Ästhetik? "Für mich ist Kapitulation das schönste Wort der deutschen Sprache", sagt einer. "Kapitulation". Wem gilt es, wie ist es gemeint, verfügt es doch weder über Punkt noch Frage- oder Ausrufezeichen? Bin ich gemeint? Ein System? Eine Band? Der Hörer? Wer unterwirft sich wem? Und: bedingungslos?

Kapitulation von Tocotronic erscheint schließlich am 6. Juli 2007. Ich kaufe das Album nicht. Ich liege so rum. Ohne großes Geld. Ich leihe höchstens. Ich bestreite mein Leben aus einer Mischung aus Bafög, Halbwaisenrente und Kindergeld. Es kommen um die 800 Euro zusammen – fürs da sein. Da denkt man fast: toll. Ich befinde mich im letzten Semester meines Studiums und habe erstmals keinen Nebenjob mit der Hoffnung: Zeit. Wahrscheinlich mache ich aber doch etwas. Bedauerlicherweise gehe ich noch davon aus, dass das Aufbringen von irgendetwas in irgendetwas münden könnte. Schlüssige Begründungen kann dazu sicherlich Bourdieu liefern. Kurzum: Ich strenge mich also an. Verkrampfe.

Als ich vier Monate später Hartz IV beantragen muss, da die Einführung der Studiengebühren in NRW zum Wintersemester 2007/2008 den Gedanken an die unendliche Dehnung der Studienzeit zunichte macht und nichts in Sicht ist, als ich plötzlich in der Fortbildung "Excel, Internet, Power Point" sitze, die Betonung liegt auf Internet, während ich am Abend an einem Dissertations-Exposé werkle, das keiner für Geld will, als ich Monate später, zwei, drei, vier, fünf Jobs gleichzeitig habe, mindestens einer unbezahlt, mindestens einer, über den man nicht spricht, als ich Jahre später et cetera, et cetera, hätte es mir einfach wieder einfallen sollen: "Kapitulation".

Press 'play'.

11 February 2017

In der Rating-Hölle

"Ökonomie ist die Methode, Ziel ist es aber, die Seele zu verändern". Der Satz trifft mich, irgendwann Ende Dezember, irgendwo vor Hamburg (vielleicht Schnee), während der als unangenehm empfundene Winkel von Sitz und Lehne im Intercity den Druck auf meine Bandscheiben erhöht. Ich setze eine dünne Bleistiftklammer, während neben mir ein Mann unter seinem Yacht-Magazin erschlafft. Der Bleistiftakt setzte beim Lesen des Gesprächs zwischen Wendy Brown und Isabelle Graw bereits vor dem Margaret-Thatcher-Zitat immer dann ein, wenn das eigene Gefühl in den Worten der anderen bestätigt wurde. "Investiere dich!", lautet der Titel des Textes, der, einer 3D-Animation gleich, im Kopf rotiert: "Investiere dich!"

Ich bin gewiss: Das Subjekt ist sein bestes Werkzeug und alles, was es macht, denkt und fühlt, wird ausschließlich zu Wertsteigerung seiner Selbst eingesetzt: Ausbildung, Beruf, Netzwerke, Beziehungen, Freizeit, Sport schaffen eine finanzialisierte Biografie, die zudem kommuniziert werden muss. Denn "[d]as professionalisierte Selbstmarketing hat es in den inneren Zirkel der Kernkompetenz geschafft", weiß Georg Franck. Auch das noch.

Mit Blick auf meine eigenes ökonomisiertes Leben stelle ich fest, dass ich selbst ein ziemlich schlecht arbeitender Spekulant bin. Kein Bel Ami. Doch unabhängig davon: Zielt dieses Investment überhaupt auf etwas ab, ist es nicht bereits zum Selbstzweck geworden, weil gar kein Endziel vorhanden ist? Das Auf-der-Stelle-treten wird lediglich mit einer Schrottoption (das bessere Leben, von dem alle reden) ausgeschmückt, die nie gezogen werden soll.

Doch der Spekulant ist zwar meistens Dilettant, aber dennoch gereizt vom Unvorhersehbaren: dem optimierten Persönlichkeits-Rating, das was bringt (etwas, von dem alle reden werden). Ein Update. Daher bleibt es im schlimmsten Fall bei der 168-Stunden-Woche (alles inklusive) für alle. In Kauf genommen wird das Fehlen von Zeit und Raum für Fragen, soziales und politisches Engagement, Solidarität, Kaffee und Kuchen, Liebe, Lesen, Schlaf, Musik, Zweifel et cetera, et cetera ... Man einigt sich darauf, Müßiggang, Selbstreflexion, Sabbat, Gammeln sowie Therapien, À-la-carte-Sucht und die ausgebuchten Fight Clubs zu dulden wie die Matrix Neo.

Doch was, wenn das Nicht-Spekulieren, der Ausstieg und die Verweigerung, das simple "Ich kann/will nicht mehr" nicht mit Verachtung und Angst garniert werden? Es wären die Möglichkeiten eines Neins!

22 January 2017

Stumpf ist Trumpf

"Stimmt wahrscheinlich alles", überlege ich, hörender- und wippenderweise, affektiv, in das Kommetarfeld zur digitalen Bemusterung von Lieder ohne Leiden zu tippen. Ich halte mich zurück. Bloß nicht zu euphorisch werden, obwohl bereits die Präsentation der ersten Single Eigentumswohnung von Christiane Rösinger zu einem sofortistischen "Ja, ja, ja" geführt hätte, auch wenn die Überlegung einsetzte, wie toll das denn wäre, dieses Wohnen ohne Angst auf Kosten der anderen, um nicht in folgenden Wettbewerb miteintreten zu müssen: "Ich wohne auf 37 Quadratmetern", sagt sie. "Ich auf 32", sagt er. Passender Romantitel dazu: Kabuff revisited.

Doch nun zum Eigentlichen: Sie singt auch über das Lob der stumpfen Arbeit. Nach einem kurzen innerlichen Widerstand gegen dieses Lob, eine Phase von 3:48 Minuten, die gefüllt ist mit den üblichen Vorurteilen gegenüber der dominierenden zeitlichen Arbeits- und Freizeittaktung, der Redundanz der Tätigkeit, der Optimierung der Abläufe mit anschließender Erlebnissucht, setzt beim zweiten Hören und Zuhören ein zustimmendes, äußeres Nicken ein. "Der Fluch dieser Tage ist die kreative Plage [...] Den Markt bedienen, ohne was zu verdienen [...] Sich selbst ausbeuten, und das auch noch mit Freuden [...] Nach all den Jahren ist es so weit, ich sing das Lob der stumpfen Arbeit."

Der biografische Abgleich ist selbstredend: erfolgreich. Benutzt, beschämt, verzweifelt, sitzt man da und hört zu, im antrainierten Überlebensmodus: ich bin unerschöpflich. Daher fällt das Resümee zunächst zugunsten der "stumpfen Arbeit" aus, weil damit wohl eine Tätigkeit einhergeht, die sich dem Kreativitätskomplex und ihrer neoliberalen Verzahnung entzieht. Ausstieg durch Gewöhnlichkeit. Stumpf ist Trumpf.

Doch was, wenn die "stumpfe" Tätigkeit nicht nur ausgleichendes Hobby bleibt, das man sich leisten kann? Der Trendwunsch geht daher nicht zum Ausmalbuch, sondern zu einem - oder irgendeinem - Teilzeitjob, um somit den kreativen und ökonomischen Dauerdruck für 20 oder 30 Stunden in der Woche vom Cortex zu nehmen. Doch wenn die Chance dazu überhaupt besteht, dann ist die erarbeitete Freizeit schnell wieder gefüllt: weil das Geld oft nicht reicht und/oder weil das verinnerlichte Selbstverwirklichungs- und Kreatvititätsdispositiv zur Umschreibung der eigenen Biografie zwingt. Dann, wenn’s sein muss (ja, es muss sein) gerne ohne Rechnung. "Denn draußen ist alles da, auch wenn es niemand bezahlt hat" (eine andere Band).

"It’s a trap".

16 May 2013

Andere Zeiten,
andere Räume

Arbeiten geht überall. Das ist für immer mehr Menschen ein Untergang, da Anfang und Ende ununterscheidbar werden. Für andere ist es eine Verheißung, da der White-Collar-Rhythmus für sie nutzlos ist und sie es schaffen, aus dem immer und überall, den richtigen Ort und die entscheidende Zeit herauszufiltern – weil sie es je nach Beschäftigungsform dürfen, können und müssen.

26 March 2013

Über Null

1100. Das könnte der Versuch sein, den Notruf zu wählen, wobei man sich beim Tippen der ersten Null plötzlich zum bewussten Verwählen entscheidet und den Hörer auflegt, da der Softballschläger in Erinnerung gerufen wurd. 1100 ist hier ebenfalls kein Binärcodesabschnitt, sondern die Forderung von Hannah Horvath in der Serie "Girls", die sie in der ersten Folge an ihre Eltern stellt. 1100 sind 1.100 Dollar. Der geforderte Betrag, monatlich ausgezahlt, soll, so ihr Wunsch, sie die nächsten zwei Jahre über die Runden bringen. 1.100 Dollar sind das viel zu geringe Maße der Dinge, dessen frotzelige Bescheidenheit dennoch einen entscheidenden Wert birgt: Freiraum für die Arbeit am eigenen Buch und am Ich, was so viel bedeutet wie unangepasst bleiben und nach Bushwick fahren, so lange es noch geht, sagt man sich. Es ist die Abkehr von der Lohnarbeit und somit von der Portier-, Post-, Patentamt-, und Prokuristen-, oder etwas moderner, Coffeeshop-Agentur-Romantik, die auch nur in die Idiotie des Feierabends führt. Die Bitte wird abgeschmettert.

9 February 2013

Mokka

Wenn 2016 die Produktion in den Opelwerken in Bochum eingestellt wird, braucht sich die Stadt um eines nicht zu kümmern: die Umbenennung einer Nahverkehrslinie. Als 2008 das Nokiawerk geschlossen wurde, bestand eine bittere Nachwehe darin, der »Nokiabahn« einen neuen Namen zu verleihen. Man entschied sich damals für »Glückaufbahn«. Der politische Kampf um einen Produktionsstandort und seine Folgen gipfelte in einem Bürgerwettbewerb. Bald werden es nur ein paar Haltestellen seien, die fehlen werden.

26 September 2012

Nützliche Besessenheit

Das letzte Fließband in der Geschichte meiner Familie taucht in der Biografie einer Großmutter auf. Es befand sich im Rostocker Fischkombinat. Bis auf diese Tatsache und den dazu gehörigen Erinnerungen an jene Person bleibt dieser Produktionsprozess in den Gütern seit jeher verborgen. Es sei denn, dass dem Konsumenten in regelmäßigen Abständen investigativ offenbart wird, dass die Zukunft im Verzicht liegt. Bis dahin regieren illustrierte Entstehungsgeschichten vom falschen Erzähler und der Glaube daran.

30 July 2012

Dienstleistung und Kunst

Was ein Künstler zu sein hat, ist gesetzlich geregelt. In Deutschland heißt es: "Künstler im Sinne dieses Gesetzes ist, wer Musik, darstellende oder bildende Kunst schafft, ausübt oder lehrt." In Österreich ist Künstler, wer kunstschaffend ist. Alles scheint ganz klar. Für einen kurzen Moment. All die Fragezeichen sind verschwunden. Doch im Alltag – außerhalb von Gesetzestext, Künstlersozialkasse, Museum, Galerie und Auktion – schimmern die Wörter Kunst und Künstler klebrig im Sonnenlicht. Zu viele alte und neue Klischees haften daran. Ein Gespräch mit der jungen 'Künstlerin' Paran Pour. Sie lebt und arbeitet in Wien.