20 August 2012

Immer wieder L.A.

L.A. ist keine Stadt, glaube ich. L.A. ist vielleicht eine Vorstellung von einer Stadt, die man in Europa nicht kennt. In der Mitte ist nichts.

L.A. kann das Synonym für die Summe aus Beton sein, oder für die Anzahl von Swimmingpools, Straßengangs oder eines Filmbudgets. L.A. ist vielleicht ein Versprechen, das Hollywood gemacht hat und nie erfüllen wird. L.A. sind Beschreibungen, gebündelt in einem imaginären Gespräch mit F. Scott Fitzgerald, Kenneth Anger und Tom Kummer. Oder ist L.A. ein Gefühl, ein abstraktes Bild, eine Erinnerung, ein Trauma, das einen nie mehr loslässt?

Wahrscheinlich ist es von allem ein wenig, oder nichts dergleichen. Vielleicht ist dieses L.A. immer eine Geschichte Wert. Bret Easton Ellis hat sich schon mehrfach an dem Phänomen abgearbeitet. Sei es mit seinem Debut "Less Than Zero", "The Informers" oder "Imperial Bedrooms". Und wenn das Setting in den anderen Romanen an die Ostküste verlagert wurde, dann scheint L.A. dennoch gegenwärtig zu sein.

Zu den literarischen Referenzen gesellen sich filmische Sequenzen. "But there’s no sun, dude", lautet der letzte Satz in "The Informers" (2008). Der Film zum Buch, der trotz Starbesetzung in den Nebenrollen (Billy Bob Thornton, Kim Basinger, Winona Ryder, Mickey Rouke, Chris Isaak) nur 14 Prozent seines Budgets eingespielt hat.

Es ist ein depressiver 90-minütiger Videoclip über Twenty-Somethings, der angeblich als Satire intendiert war, aber letztendlich überhaupt nicht lustig ist. Wahrscheinlich hätte man die Vampirszene nicht streichen sollen, oder erkennen sollen, dass L.A. keine Witze kennt. Besonders tragisch ist die Figur des Portiers Jack, verkörpert durch den Schauspieler Brad Barron Renfro (populär geworden durch "Der Klient"), der eine kaum zu ertragene Nervosität transportiert, die durch das Wissen von seinem Drogentod mit 25 in Bestürzung mündet.

Den einzelnen Szenen und Figuren fehlt eine zusammenhängende Narration, die in populären Filmen zwingend erscheint. Den Zusammenhang liefert nur die Stadt, die wie ein mutiertes Genom verbreitet wird und in den Körpern der Figuren weiterlebt. "But there’s no sun, dude". Klappe.

Im Juli 2012 wurde erneut ein Film über L.A. und mit einem Drehbuch von Bret Easton Ellis gedreht. Gleicher Ort, andere Zeit, andere Umstände.

"The Canyons" hat hierzulande bisher nur Erwähnung gefunden, weil Paul Schrader Regie führt und zu der Darsteller-Riege unter anderem Pornodarsteller James Deen und der gefallene Disney-Engel Lindsay Lohan gehören. Gus Van Sant ist übrigens auch mit dabei.

Dieses Mal soll es eine keine Satire werden, sondern ein "contemporary L.A. noir,". Auf Kickstarter heißt es weiter: "The Canyons documents five twenty-something's quest for power, love, sex and success in 2012 Hollywood." Der Film wird von Ellis und Schrader und dem Produzenten Braxton Pope selbst finanziert, sowie durch Crowdfunding über die Internetplattform "Kickstarter". Bezüglich Bret Easton Ellis können die Bestrebungen im Genre Film wie ein Versuch erscheinen, sich weiter im Mainstream zu etablieren. Auch wenn das mit dieser Independent-Produktion nur eingeschränkt möglich sein wird. Da bräuchte es dann doch so etwas wie "Shades of Grey". Gemäß Twitter schien er sehr ambitioniert, ist aber aus dem Rennen. Er bleibt ein Kult.

"The Canyons" besteht aus einer interessanten Mischung (Ellis-Schrader-Deen-Lohan-Kickstarter), aus der alles werden kann – oder auch nichts. Die Messlatte ist aber hoch, wenn man die Worte von Tom Kummer in seinem Text "Nachtsonne über L.A." (Du, Nr. 825) liest. Er beschreibt den Film noir "als die grandioseste Kunstform, die Los Angeles jemals entworfen hat, mit einer Botschaft vernetzt, die jeder verstehen kann: dieses gnadenlose Gefühl des In-einer-Falle-sitzens. Los Angeles hat uns die besten Bilder zu diesem Gefühl geschenkt."

L.A. ist also keine Stadt. Es ist die Sichtbarwerdung eines Gefühls, das gut in Szene gesetzt werden muss.

Kein Leichtes.

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