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22 April 2020

Eitelkeit ist eine Strategie

Skype, WhatsApp, Zoom – oder doch einen anderen Anbieter wählen? Sofern das Gesicht als das oberflächliche Identitäts-Billboard mal ohne Mund- und Nasenschutz gefordert wird, scheint das in Pandemiezeiten mit Kontaktverbot die Frage der Stunde zu sein, die neben dem steten Grübeln über den Datenschutz – flankiert durch die paranoide Frage, ob die Videoüberwachung nun von außen nach innen gewandert sei – zu Überlegungen wie diesen führt: Ziehe ich mich an? Was ziehe ich an? Business, Smart Casual, zum Spaß Black Tie oder Abendrobe? Muss ich mich für die nächste Schalte schminken – gar die Haare machen? Und vor allem: Wo stelle ich den Computer auf? Auf den Schreibtisch – mit oder ohne überlegt vollgestopftes Regal im Hintergrund? Küche? Balkon? Wohnzimmer? Was, wenn der Wohnraum lediglich aus einem Zimmer besteht? Ist dieses schrecklich unaufgeräumt, zeichne ich dann lieber den Hintergrund weich oder wähle ich aus einer Vorlage?

Während mehrmals am Tag mit tiefen Skepsisfalten auf der Stirn die Aufkleber von den Kameras geknibbelt werden, die eigenen Zeichen genauestens verwaltet und die empfangenen wie eh und je dekonstruiert werden, und einige Köpfe den finalen Siegeszug der Videotelefonie zu beobachten scheinen, weiß die Literatur wie immer mehr. So beschreibt David Foster Wallace in Unendlicher Spaß auf mehreren Seiten durch Eitelkeit beförderten "Videophoniestress", der für einen Boom von Videophonmasken und digitalen Tableaus sorgt, die schließlich zum Niedergang der Technik führen. In seiner Fiktion wird nicht gefragt "Was geschieht mit meinem Bild", sondern "Wie komme ich an?". Eitelkeit fördert eine Identitätstravestie, Gesicht- und Körper-Variationen werden nach Belieben an- und abgelegt, wie es einige Filterfunktionen außerhalb der Literaturen längst können.

"Im vorliegenden Fall führte die Evolution der Stress- und Eitelkeitskompensationen dazu, dass Videophonnutzer zunächst ihre eigenen Gesichter ablehnten, dann sogar ihre bis zur Unkenntlichkeit maskierten und digital bearbeiteten Ebenbilder und schließlich die Videokameras in toto abdeckten und den TPs ihrer Gesprächspartner nur noch attraktiv gestylte statische Tableaus übermittelten. Hinter diesen Objektschutzdioramen und gesendeten Tableaus waren die Teilnehmer plötzlich wieder stressfrei unsichtbar, hinter den Star-Dioramen konnte man wieder eitelkeitsfrei ungeschminkt, toupetlos und tränensackverschandelt sein, man hatte – da wieder unsichtbar – die Freiheit zum Kritzeln, Pickelprüfen, Maniküren und Faltenchecken zurückgewonnen […]."

Unsichtbar, da steht es, ein – wie "systemrelevant" oder wenigstens "normal" – lange nicht mehr ausgesprochener, unerreichter Zustand, der durch Mund- und Nasenschutz, denn plötzlich wird dieser fester gezurrt und das Ablegen verweigert, die Gedanken kitzelt, wenn schon Smartphone und Computer nicht mehr abgeschaltet werden können.

25 July 2018

Neue Gebiete

Eigentlich läuft es. Ja, es läuft. Damit meinte Ida die kleine Rechnung in ihrem Kopf. Es gibt keinen Grund sich zu beschweren, ermahnte sie sich. Das ist doch gut.

„So eine Scheiße“, murmelte sie plötzlich vor sich hin, als sie erneut drei Zeilen aus einem Textdokument gelöscht hatte. Vor ihr war jetzt wieder zu sehen: eine weiße, leere Seite. „60 Minuten für nichts“, sagte sie kopfschüttelnd. Ein Verlustgeschäft. Ermüdet klappte sie den Laptop zu und fiel schlaff in den Stuhl. Sie kapitulierte. Ihre Kaffeetasse hielt einen kalten, krümeligen Schluck bereit.

Es sollte ein Beitrag über die Schließung einer Erinnerungsstätte in Bochum werden. Das hatte sie Andreas von Your Daily Content versprochen, der es irgendwie bringen wollte. „Komm, die paar Euro tun euch nicht weh“, betonte sie. Doch das Thema hatte eigentlich keine Aussicht auf Erfolg. Nachdem Teile der Region „aus bisher unbekannten Gründen“, wie es überall hieß, versackt waren, und die Spekulationen über eingebrochene Stollen und explodierte Weltkriegsbomben keinen mehr interessierten, wurde selten aus Ruhrstadt berichtet. „Zu depressiv. Können wir nicht machen“, hieß es eigentlich immer. „Klickt keiner“, wäre die richtige und ehrliche Antwort gewesen. „Keine Reichweite, zu lokal“, auch eine Möglichkeit. Sie machte es trotzdem und stellte sich ein großes Loch vor, an dessen Rändern sich die Menschen, Tiere und Pflanzen neu eingerichtet haben und auf ewig hinabstarren – in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Sie kippelte auf ihrem grauen Kunststoffstuhl hin und her, und sammelte die abgekauten Fingernägel rechts neben dem Laptop. Die seit Monaten gleich bleibende Sonne schien gelblich in ihr Zimmer und provozierte einen kurzen Blick aus dem sonst mit Decken verhangenen Fenster.

–

500 Kilometer westlich schloss Karin eine Werkhalle auf. Über dem Eingang thronte ein Logo aus Kreis und Blitz, das sie stets mit einem respektvoll nostalgischen Blick die Ehre erwies. „Opel Bochum – Eine Erinnerungsstätte für das 20. Jahrhundert“. Das gaben die hysterisch flackernden Leuchtbuchstaben nur noch selten her. Es folgte, wie jeden Tag, ein Kontrollgang über den dazugehörigen Parkplatz. Das war’s. Kasse und Eintrittskarten holte sie nicht mehr heraus. Die Texte für ihre Führungen vergaß sie langsam.

An einem Tag hörte Karin nach Jahren wieder eine Stimme nach ihr rufen. Ida stand am Eingang und schaute sich um. Die Luft war ausgesprochen gut, dachte Ida, so wie es in alten Reiseführer stand. Als sie ihre Schuhe inspizierte, neue Novembersandalen, bewegte sich plötzlich etwas im Grün. Doch Ida konzentrierte sich so stark auf Karin, die ihr mit einer Taschenlampe entgegenkam.
„Ida Gloger. Wir hatten telefoniert.“
„Haben sie den Weg gut gefunden?“
„Ja, ich bin auf den ausgeschilderten Sonderrouten geblieben.“
„Weswegen sind Sie hier?“, versuchte Karin das Thema zu wechseln.
„Die Schließung Ihres Museums.“
„Erinnerungsstätte.“

Sie verließen die Halle und gingen stumm ein paar Schritte. Besucher konnten das ehemalige Werk begutachten, verschiedene Produktionsstätten ablaufen, mitmachen, dieses besondere Feeling aufbauen und wenn sie wollten, in ein Auto steigen und damit herumfahren. Früher auch noch durch die Stadt.
„Durften die selbst fahren?“
„Ja. Wollen sie mal? Kadett, Zafira oder Astra?“

Ohne zu überlegen, zeigte Ida auf einen roten Opel Kadett B Coupé. Karin lachte und gab Ida den rostigen Zündschlüssel mit einem Anhänger aus kleinen, gestapelten Miniaturreifen, der an ein Kunstwerk von Allan Kaprow erinnern sollte. Kaprow hatte 1979 einen 15 Meter hohen Turm in Form eines monumentalen Schaltknüppels aus alten Autoreifen für die 6. Kunstwoche des Ruhrpark Shopping Centers konzipiert, wurde ihr erklärt. „Nach seiner Errichtung von Unbekannten abgefackelt, einfach so“, beendete Karin den Exkurs.

Während der Fahrt lachten beide überraschend viel. „Auto fahren“, schüttelte Ida den Kopf, als sie vergnügt ihre Runden drehten.
„Und was wollen Sie machen, wenn das hier abgerissen wird?“
„Keine Ahnung. Sie verdienen doch mit Schreiben ihr Geld?“

„Ja“, antwortete Ida.
„Das geht?“

Das war die übliche Reaktion. Denn sie hatte nur einen Roman im Self-Publishing herausgebracht und einige wenige Reportagen an die letzten Zeitungen verscherbeln können. Der Rest bestand aus sogenannten Inhalten, die oft mit Lebensmittelgutscheinen vergütet wurden. Miete und anderes berappte sie mit Jobs. Jeder weiß, was damit gemeint ist.
„Es sind Texte zu avantgardistisch strukturierten Wattepads, einer Hämorrhoidencreme mit neuem Duft, blöden Digital Pens und Bedienungsanleitungen zu diesem Self-Tracking-Kram“, gab sie Karin einen Einblick.

„Soll ich Ihnen etwas zeigen?“, fragte Karin, nachdem das Auto wieder abgestellt war. Ida nickte und knibbelte nervös an ihrer Nagelhaut. Als sie zurück in der Halle waren und das Oberlicht angeschaltet wurde, erkannte sie, dass die Innenwände akkurat mit Nummern und Datumsangaben beschrieben waren.
„Das sind Ölpreise. Seit 1973.“
„Wie lange arbeiten Sie schon daran?“
„Der letzte Besucher kam vor fünf Jahren.“
„Doch ein Archiv.“

–

Vor ihrer Abfahrt wanderte Ida durch einige „Belebte Zonen“. Hin und wieder zückte sie ihr Smartphone, machte Bilder. Eine Anwendung legte alte Aufnahmen wie eine Folie über ihre. „Heute“. Ein Fingerwisch. „Damals“.

An einer Absperrung blieb sie zunächst stehen. „Vorsicht Raubkatzen“, mahnte ein Schild. Sie runzelte die Stirn und ging weiter in Richtung einer Aussichtsplattform. Ihr Herz schlug schneller als sie in ein großes Loch hinabblickte. Für einen Moment glaubte sie, Lichter tief unten in der Erde zu erblicken. Blickende Lichter, flackernde Lichter, leuchtende Buchstaben. Hörte sie Stimmen? Sie sprach leise, sich lebst fragend, vor sich hin, blickte auf und meinte am gegenüberliegenden Rand des Kraters einen Löwen sitzen zu sehen.

28 May 2018

Im März war das Wetter schlechter

Sie haben geredet. Daniel Kehlmann und Salman Rushdie. Davon zeugt ein Interview. Sie haben geredet. Über ihre Arbeit als Schriftsteller, die gegenseitige Anerkennung und Freundschaft, sowie über ihr Leben in New York. Ich spüre ein Ziehen in der rechten Brust und ein Schmerz auf Hüfthöhe. Zwei Telefonate. Die Sonne ist ein Witz. Auf dem Cover des SZ-Magazins sind beide Autoren wie Vater und Sohn abgebildet. "Schreiben ist das Härteste, was ich je unternommen habe", steht da noch.

Ich sitze an meinem Sweat Desk und habe zwanzig Euro mit einer Rezension verdient. Mein monatlicher Mietanteil beträgt 300 Euro. Jenseits von New York höre ich meinen Nachbarn husten. Ich friere in meinem Bad. Doch der Wasserdruck ist gut.

"In größeren Städten wie Manhattan kann man nicht mehr auf interessante Weise arm sein", schreibt Chris Kraus in ihrem Roman Torpor und meint die Neunzigerjahre. Kehlmann redet von New York in den Siebzigerjahren und meint Berlin. Die Gegenwart. Die Geschichten zu beliebten Fotos, auf denen heruntergekommene Altbauwohnungen und Räume in Brown Stones zu sehen sind, wirken nur aus weiter Ferne oder auf Buchumschlägen schön. Sonst war man einfach sehr arm. Eh vorbei. Großstadt.

Containerpark jetzt.

Ich erhalte eine Nachricht aus Köln. "Warte seit hundert Jahren auf mein Geld aus München. In dieser Notsituation habe ich deinen Rewe-Gutschein gefunden. Mega Rettung. Danke. Großartig." Deutschlands Künstler. Ich antworte: "Leider weiß ich nicht mehr, wie viel Geld drauf ist. Mindestens zehn". Es waren 15 Euro. Woher kommen die Schmerzen?

Das Interview verliert mich weiter und ich bereite meinen Stimmzettel für die Oscar-Verleihung vor. Greta Gerwig erhält von mir den Preis für das beste Originaldrehbuch. Einfach so. Dabei denke ich an einen Dialog aus Frances Ha, in dem sie vor ein paar Jahren die Hauptrolle gespielt hat: "So what do you do?", wird Frances, die als Tänzerin scheitert und ihre Wohnung in New York verloren hat, von einem gewissen Andy gefragt. "Eh... It's kinda hard to explain", entgegnet sie. "Because what you do is so complicated?", insistiert Andy weiter. Darauf Frances: "Eh… Because I don't really do it".

Ich bin gar keine Autorin.

Ende der Sechzigerjahre schreibt Joan Didion: "Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde Nacht für Nacht bellten und immer Vollmond war". Sie erinnert sich an ein "großes Zittern", an eine "strudelartige Spannung", die sich in Los Angeles ausgebreitet hatte wie eine bedrohliche Dämmerung, die das Ende des letzten Tages ankündigt. Es ist die Zeit kurz vor den Morden im Haus der Schauspielerin Sharon Tate durch Mitglieder der Manson Family. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", kommentiert sie die anschließenden Reaktionen auf die Tat vom 9. August 1969. Der Abgrund als Gewohnheit bei Katastrophenwetter. "Erdbebenwetter", laut Raymond Chandler. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", denke ich die ganze Zeit, auch als Kehlmann und Rushdie nach der Metoo-Debatte in der Literaturszene gefragt werden.

Greta Gerwig bekommt keinen Oscar. Die Kleider auf dem Red Carpet sind bunt.

In der Woche darauf verdiene ich 210 Euro. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und verhungere nicht.

"Ich arbeite an etwas", kann ich nur noch bis 40 sagen, ohne die Erwartung einer monatlichen Ausschüttungen oder ein baldiges Erbe. In der Zukunft haben ich ein Problem, wie ich es in vielen Artikeln auf Spiegel Online gelesen habe. Ich sehe mich also als Frau, als Cat Lady, als Bag Lady. "Bag lady you can hurt your back", sang Erykah Badu.

Ich arbeite an etwas und unterdrücke ein Gefühl, als ein 18 Monate altes Kind für einen kurzen Augenblick mit der Wange eine Haarsträhne der Mutter berührt. Eine fast unbemerkte Geste der Zuneigung und Absicherung – liebevoll, heilend, unkritisch.

Es gab eine Zeit des Glaubens, als Tag für Tag eine Katze vor meinem Fenster hockte und um meine Aufmerksamkeit buhlte, während ich einen Film schaute, dem Pfad dieser Jungen folgte, Stand by me und ein Liter Eiscreme (Vanille, gut & günstig) und ebenso wie sie hoffte, den Umständen zu entkommen, während gleichzeitig der Wunsch nach einem Erzähler wuchs und wuchs, der sich erinnert und berichtet.
"I never gonna get out of this town am I, Gordy?."
"You can do anything you want, man."
"Yeah, sure."

16 February 2018

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 Closeup II

1000 Euro brutto, denkt sie, die Verkäuferin in Vollzeit, dort, an einer Bushaltestelle sitzend, durch die Neonbeleuchtung von der winterlichen Dunkelheit abgehoben, in den Fokus gerückt; dort, an einer von vielen Karl-Marx-Straßen.

1000 Euro brutto. Das war und ist für diese – jede – Region unterdurchschnittlich. Bis zu 2000 Euro brutto wären in dieser Stadt, um diese Karl-Marx-Straße gespannt, möglich: dank über 40 Jahren Berufserfahrung mit Leitungsposition, auch wenn in den Dokumenten zulange ‚mithelfende Ehefrau‘ stand. Das ahnt sie. Sorge und Angst überwiegen. (Dank der großen Witwenrente, so kann der Leser sich beruhigen, sind es wieder – immerhin – 1000 Euro netto und davon, die Erfahrung bezeugt es, kann sie neben Miete, Nebenkosten und Haushaltsgeld sogar das Auto abbezahlen, das ihr nach dem Tod des Mannes geblieben ist.) 1000 Euro netto.

Eine Frau an einer Bushaltestelle ruft mir etwas zu und reißt mich aus meinen eigenen Gedanken, in denen ich beim Blick auf die Straße – durch Frost und Nieselregen in ein Kleid aus Perlmutt, oder besser: in ein glitzerndes Universum verwandelt; die Unendlichkeit zu Füßen – verloren war. „I’m a connoisseur of roads“, fällt mir ein. „I’ve been tasting roads my whole life. This road will never end. It probably goes all around the world.“ Ich weine beinahe.

Ich möge ihren Hund kurz ausführen. Nur ein paar Meter mehr für den Hund. Sie schaffe dies nicht mehr. Sie sei müde. Ihr Hände seien geschwollen. Und erst die Füße. Immer sind es die Füße, die schmerzen.

Der Hund, ein Havaneser, und ich blicken uns fragend an. Zögernd ergreife ich die Leine und gehe langsam los.

3 April 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
The Culture I

Berlin ist ein stummes Standbild mit bestreikten Sonntagsstraßen um 21 Uhr. Die Stimme zum Bild hat einen starken anhaltinischen Akzent. Nach dem mitleidsvollen "Thank you for travelling with Deutsche Bahn" erinnere ich mich, dass ich meinen originären Dialekt verloren habe. In welchem Mund ich ihn spuckte, weiß ich nicht mehr. Der Verlust kam dem Austausch des eigenen Bildes gleich. Im Visier immer der befreite Klang. Bevor ich am Ostbahnhof aussteige, dringt der Geruch von frisch gewaschener Wäsche aus meinem Rucksack zu mir durch. Da ich Berlin nicht hören kann, mache ich die Stadt zu einer Wiese im Frühling. (Anfang des Minusvisionen-Eintrags I lost my De:Bug in Moabit (1), März 2008)

Mein kulturelles Jahr 2008 endet damit, dass ich an einem Oktoberabend in der Galerie Zern in die US-Armee eintrete und mich durch die Anreise verschulde. Es werden – trotz Spartickets – wie nach allen Fahrten in dieser prekären Zeit, für die ich mich beim Arbeitsamt hätte abmelden müssen, also sehr dürre Wochen folgen, die lieblich-bitter nach Nudeln mit Zucker schmecken. Hin und wieder ein Päckchen mit Lebensmitteln in der Post samt einer Tafel Schokolade in wiederverschließbarer Verpackung darin, in der 20 Euro stecken.

Von jenem Army-Abend bleibt ein digitales Foto vor weiß-roter Flagge als Beleg und die Hoffnung, dass das alles nur ein Scherz war. Im heißen Juni 2007 bestand das Relikt Marke Berliner Semiotik noch aus drei iranischen Münzen, die mir Christian Kracht am letzten Abend der Wissenschaftsakademie in die Hand gedrückt hatte.

Identität wiegt schwer. Ich trinke auf meine schicksalhafte Tat und ihre Folgen in der Bar Babette, wo eine Veranstaltung des Verbrecher Verlags stattfindet. Doch ich bin ausnahmsweise nur wegen der Getränke dort. Ich lese wenig. Bücher sind teuer. Essen auch. (Ich erinnere mich für 2008 nur an Leihgaben aus der Stadtbibliothek oder von Freunden wie Lyrische Novelle von Annemarie Schwarzenbach, Ein Gast und Das Bad von Yoko Tawada, vielleicht noch etwas von Truman Capote, der 2007 prägte. Ich kaufte Softcore von Tridad Zolghadr sowie Lunar Park von Bret Easton Ellis als Mängelexemplar. Dann hört die Erinnerung auf.) Die Nacht ist kühl und trocken. Das Taxi billig. Im Gepäck habe ich das Ausstellungsplakat zu Join the U.S. Army, das mit Lippenstift signiert wurde und deren Herstellung Erik Niedling gesichert hatte.

Nach einer Übernachtung bei Schulfreunden in der Nähe des Frankfurter Tors empfiehlt mein überteuerter Moleskine-Taschenkalender (Softcover) für den 2. November einen Besuch in der Galerie MD72 und einen Gang in die Temporäre Kunsthalle. Ich folge der Notiz und besuche die Galerie, weil ich hoffe, The Wishing Machine betätigen zu dürfen. Ich hab's nötig. Im April saß ich bereits auf einem Brandenburger Schloss vor einer Dreamachine und folgte dort dem Flickern auf meinen Lidern. Keine Drogen. Keine Vision.

Zurück in der MD72: Ich darf. Ich schreibe den Wunsch auf einen Zettel und lege diesen in einen kleinen bräunlichen Kasten mit Antenne. Ich bediene einen Kippschalter. Klack. Ein Lämpchen leuchtet auf. Die Maschine läuft. Klack. Vorbei. Nichts. Berliner Herbst. Immer noch nicht reich. Auf knarzenden Parkett verlasse ich den Altbau, einem Paar im Partnerlook folgend.

In der blau-weißen Temporären Kunsthalle auf dem Schloßplatz wird die Ausstellung Inner + Outer Space von Candice Breitz gezeigt. Es ist voll. Touristen wie ich. Gefühle und somit eine Erinnerung bleiben beim Blick auf installierte Bildschirme aus, immerhin gibt es draußen noch wenige stählerne Reste des Palasts der Republik zu suchen.

Bei diesem wiederholten Gang durch Berlin trage ich den selben Secondhand-Wollmantel wie am 10. März, als im Hebbel am Ufer die Pyramiden-Gala stattgefunden hat. Jener zweite Höhepunkt des Projekts Die Große Pyramide – ein Grabstädte für die Menschheit als Infrastrukturmaßnahme – nach dem Pyramidenfest 2007 am damaligen potenziellen Entstehungsort Streetz/Natho. Wurde jener Tag eingeleitet durch die Spielmannszugversion von The Final Countdown, versprach das Programm in Berlin folgende Mischung: Rem Koolhaas, Momus, Jens Friebe und und und.... Aftershow mit Carsten Jost im WAU.

Alle waren da. Großes und Kleines Hallo. Zuprosten.

Ich kann mich kaum an etwas erinnern. Ein Gefühl von Hilflosigkeit. Ich trinke allein. Ich habe das schwarze Kleid wie später im April in Brandenburg getragen.

Durch Irmgard Keun geschult, bin ich erleichtert, dass mein Wollmantel nicht der Feh aus dem Roman Das kunstseidene Mädchen ist. Es ist noch Luft nach unten oder oben. Und ich bin weder in einem Wartesaal noch in Berlin oder Köln, aber irgendwo dazwischen und schreibe sinnlose Bewerbungen ("Bitte bewerben Sie sich nicht mehr", heißt es einmal).

Ich werde mich und meinen Mantel später nur auf einem kleinen, dunklen Foto erkennen, das in meinem Facebook-Newsfeed auftaucht. Im Moment der Aufnahme muss der Fotograf auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden und seine Kamera auf das HAU gerichtet haben. Ich hätte das liken können.

(Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 erscheint monatlich auf Minusvisionen. Die Form bleibt unbestimmt.)

26 March 2017

Die letzten Raucher

Fragenbogen für einen fiktiven Protokollband

Beschreiben Sie den Moment, als Sie mit dem Rauchen angefangen haben.

Haben Sie das Rauchen von Beginn an offen ausgelebt oder geheim gehalten? Welche Faktoren haben zu letzterem geführt?

Haben Freunde und/oder Familienmitglieder bereits geraucht und, wenn ja, wie haben Sie das Rauchen wahrgenommen?

Welche Eigenschaft verbinden Sie mit dem Rauchen?

Wie viele Zigaretten rauchen Sie täglich?

Der Konsum von Alkohol kann das Rauchverlangen verstärken. Nennen Sie eine Situation, in der sie nach einer Zigarette ‚richtig’ betrunken waren.

Welche Art von Zigaretten bevorzugen Sie und warum (gedreht, gestopft, industriell hergestellt)? Was soll das über Sie aussagen?

Haben Sie sich in Ihrer Raucherkarriere schnell für eine Marke entschieden? Um welche handelt es sich? Welche Faktoren waren für die Wahl wichtig?

Wie transportieren Sie Ihre Zigaretten: Schachtel, Softpack oder Etui?

Beschreiben Sie Ihren Rauchstil: vom Herausholen/Drehen der Zigarette über das Legen der Zigarette an die Lippe/in den Mund, das Anzünden, die Art des Haltens bis hin zum Aschen und Ausdrücken.

Ist Ihr Stil beeinflusst durch Bilder oder Personen des öffentlichen Lebens? An wen denken Sie?

Können Sie eine Filmszene beschreiben, in der geraucht wird?

Mögen Sie Menschen mehr, die ihre Zigarette im gleichen Stil halten wie Sie?

Welchen Rauchstil lehnen Sie ab?

Wie ist Ihre Position zu Bio-Zigaretten und/oder E-Zigaretten, sog. Verdampfern?

Verfügen Sie über kultische Rauchutensilien (schöne Aschenbecher, edle Feuerzeuge, ein Smoking Jackett, Zigarettenspitze) und warum?

Ist rauchen für Sie männlich, weiblich oder androgyn?

Wann empfinden Sie rauchen als schön und wann kippt der Akt für Sie in Hässlichkeit um?

Ist diese Wertung abhängig vom Geschlecht, vom körperlichen Zustand und sozialen Status des Rauchenden?

Was denken Sie, wenn Sie ein Foto von Michel Houellebecq sehen?

Sind Sie süchtig? Wenn ja, in welchem Moment haben Sie sich diese Diagnose gestellt?

Wie ist Ihre Haltung zur Sucht?

Verbinden Sie mit dem Rauchen ein besseres Alleinsein oder die Fähigkeit des Schaffens von Geselligkeit basierend auf dem gleichmacherischen Akt des Rauchens?

Wo rauchen Sie am liebsten?

Wann waren Sie das letzte Mal froh Raucher zu sein?

Geben Sie von Ihren Zigaretten gerne welche ab?

Teilen Sie sich gerne mit einer Person eine Zigarette? Was muss diese Person auszeichnen? Ist diese Form des Teilens eine Form von Intimität?

Küssen Sie gerne?

Mögen Sie den Geruch des Rauchs? Oder machen Sie etwas dagegen?

Würden Sie sich als besonders reinlich beschreiben?

Haben Sie das Rauchen jemals bereut? Ist diese Reue nur auf Sie gerichtet oder wird das Gefühl auch durch andere ausgelöst?

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Kinder mit dem Rauchen anfangen würden?

Haben Sie bei einem Arztbesuch schon einmal über Ihr Rauchverhalten gelogen? Wenn ja, warum? Und glauben Sie, dass Ihr Arzt die Lüge erkannt hat?

Was geht Ihnen bei einer Blutabnahme durch den Kopf?

Haben Sie mit dem Rauchen aufgehört? Was hat dazu geführt?

Wie würden Sie die Rolle der Angst beim Wunsch mit dem Rauchen aufzuhören einschätzen?

Sind Sie/wären Sie froh über Abstinenz?

Halten Sie manchmal eine Zigarette, ohne sie anzuzünden?

Wenn Sie mit dem Rauchen aufgehört haben: Vermissen Sie es?

Sind Sie gesund?

16 March 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Die Tiefpunkte

(Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 erscheint
monatlich auf Minusvisionen.)

Ich bin von Januar bis Oktober 2008 arbeitslos. Ich erhalte Arbeitslosengeld II. Vom 1.1. bis zum 30.6. bekomme ich monatlich 664,64 Euro. Ab dem 1.7. bis Oktober sind es 668,64 Euro. Die darin enthaltene Höhe zur Sicherung des Lebensunterhalts beträgt zu diesem Zeitpunkt 347 Euro. Abzüglich der Kosten für Strom, Festnetz, Internet, Handy, Monatsfahrkarte sowie für zwei bis fünf Bewerbungen monatlich verbleiben mir durchschnittlich 160 bis 180 Euro zum Leben. Hin und wieder frage ich meine Mutter nach 20 oder 50 Euro sowie nach Lebensmitteln per Post, in Abständen verdiene ich mir 50 bis 100 Euro bar durch einen Nebenjob dazu.

Ich wohne allein. Ich spreche daher wenig, insbesondere nachdem die sogenannten Fortbildungen abgeschlossen sind. Wenn keine Anrufe erfolgen: bis zu einer Woche – gar nichts. Ich hätte damals auf Minusvisionen ein Protokoll führen können. Ingo hätte das sicherlich gefallen. Doch das kommt mir nicht in den Sinn. Die Blog-Einträge werden Ende 2007 bis 2008 immer öfter sehr kryptisch. Es gibt kein außen mehr.

Am 6. Juni 2008, an meinem 26. Geburtstag, bekomme ich die DVD zu Fassbinders Angst essen Seele auf geschenkt. Ich sage: "Toll". Und bedanke mich.

Der Bildungsgutschein

Ich bin in einem kleinen Raum innerhalb eines Gebäudes mit Klinkerfassade angekommen. Ich werde nun verwaltet. Noch darf ich den Haupteingang nehmen, später wird es ein Seiteneingang für ALGII-Empfänger sein. Damit ich nicht vergesse, wo ich stehe: am Rand.

Ich werde in diesem kleinen Raum keine Eingliederungsvereinbarung unterschrieben. Denn ich erhalte sofort einen Bildungsgutschein. Das Symbol für das großes Geschäft zwischen der Arbeitsagentur und der jeweiligen Bildungsträger. Das goldene Ticket. Denn für Staat und Bildungseinrichtung ist es eine Win-win-Situation: der Träger verdient, die Arbeitsagentur muss mich nicht als 'arbeitslos' führen.

Ich befinde mich also in einer Weiterbildung. Diese besteht zunächst aus einem dreimonatigen Kurs für "Business English", den ich täglich von 8 bis 15 Uhr besuchen muss. Nach dem ersten Monat werden die Inhalte wiederholt, weil stets neue Teilnehmer in den Kurs kommen. Jeder hört somit alles drei Mal. Jeder besitzt jegliche Arbeitsblätter in dreifacher Ausführung. Jeder hatte die Chance, drei Mal seinen Text aufzusagen. Es scheint fast ein ästhetizistischer Ansatz vorzuherrschen. Auf Business English folgt der vierwöchige Kurs "Excel, Internet, Power Point". Mir wird unter anderem die Google-Bildersuche erklärt.

Der Körper

Ich habe zu Beginn der Fortbildung zwei Wochen lang Magenschmerzen. Ein neues Gefühl. Kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch wenn ich das Bedürfnis nach einer Krankschreibung habe, suche ich keinen Arzt auf.
Im Laufe des Jahres schlafe ich abends immer schlechter ein. Ich spüre mein Herz, deutlich, manchmal zu stark, so als hätte ich ständig zu viel Weißwein getrunken. Ich google. Ich verunsichere. Nach Monaten werden ein Langzeit-EKG und ein großes Blutbild gemacht. Nichts. Ich bin beruhigt. Ab 2009 werden die Symptome seltener.

Die Paranoia

Ich wohne in einem Erdgeschoss in einer Einzimmerwohnung zur Straße hin. Jeden Morgen stehe ich weiterhin um 7.30 Uhr auf. Ich gehe zum Fenster und ziehe meine Rollläden hoch. Nach diesem Vorgang gehe ich wieder ins Bett. Bleiben die Rollläden zu lange unten, bilde ich mir ein, dass jeder weiß, was los ist. Ich befinde ich mich dann in Die innere Sicherheit mit im Wagen der Flüchtenden, die an einer Kreuzung bei Rot halten müssen und jedes bremsende Auto um sie herum eine potenzielle Gefahr darstellt, hochgenommen zu werden. Doch die Autos fahren. Ich bleibe liegen. Die Position meiner Rollläden interessiert keinen.

Die Verzweiflung

Es ist Dienstag, Mitte Oktober 2008, die Lehman-Brothers-Pleite liegt einen Monat zurück. Ich stehe um 5 Uhr morgens an einem Gleis des Bochumer Hauptbahnhofs und warte auf einen Regionalexpress. Ich habe einen Job in Paderborn angenommen, für den ich um 4 Uhr aufstehe, um pünktlich zu sein. Grund: die einzige Zusage. Ich bin müde. Drei Tage in der Woche werde ich nun müde sein. Müdigkeit schmerzt. Nach einem halben Jahr stehe ich eine Stunde später auf. Die Müdigkeit wird bleiben.

Die Rückzahlung

Ende Oktober erhalte ich mein erstes Gehalt. Am 5. Januar 2009 erfahre ich, dass dieses an die staatlichen Leitungen angerechnet wurde, die ich Ende September für Oktober erhalten habe. Ich muss die Leistungen für Oktober fast vollständig zurückzahlen: 632,92 Euro. Ich spreche persönlich vor. Man verstehe die Problematik. Es wäre bedauerlich. Ich hätte mir meinen Lohn halt zum 1.11. überweisen lassen sollen.

Der Preis

Mitte 2008 reiche ich eine Kurzgeschichte zu einem Literaturwettbewerb in Bochum ein. Das Motto lautet: "Geld schreibt". Mein Text schafft es unter die letzten Zehn, die bei einer Lesung Ende 2008 von den Autor*innen vorgetragen werden sollen. Dort darf dann das Publikum abstimmen. Da Freunde anwesend sind, schaffe ich es auf den dritten Platz. Mein Text wird in einer Anthologie veröffentlicht.

Auf meiner Urkunde steht, dass ich 200 Euro Preisgeld bekomme. Leider muss ich mir den Preis mit jemandem teilen. Das erfahre ich erst später, als ich die 200 Euro durch die Leihgabe eines Freundes schon längst ausgegeben habe. Denn ich wollte damals nach Berlin. Ich wollte in der Galerie Zern der US-Armee beitreten*.

*Ingo Niermann, Join the U.S. Army, 31.10. – 14.11.2008, Galerie Zern, Berlin

26 February 2017

"The person you have loved is temporarily not available"

"Immer war McCullers, die eine turbulente Ehe führte, unglücklich in Frauen verliebt – unter anderem in die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach – ohne je mit ihnen eine Beziehung eingehen zu können", heißt es zu Carson McCullers in einem von vielen Texten zum Hundertsten der 1967 verstorbenen Autorin.

Carson, "tragisch-hustende, mausgraue", wie Klaus Mann über sie fälschlicherweise schrieb. Annemarie, "störrischer Unglücksengel", wie Erika Mann über die geduldete, aber auf Distanz gehaltene Freundin feststellte.

Carson. Annemarie. Eine Fast-Liebe zu der Alexandra Lavizzari schreibt: "Statt Glück und Erfüllung bescherte diese Liebe Carson allerdings nur quälende Sehnsüchte bis hin zur lebensbedrohenden Verzweiflung, während Annemarie, mit zweiunddreißig Jahren fast schon am Ende ihres Lebens angelangt, die Kraft für ein Abendteuer mit der quirligen, neun Jahren jüngeren Freundin schlicht nicht mehr aufbrachte. Für sie war es, mehr noch als für Carson, der falsche Zeitpunkt, ein tragisches 'Zu spät'..."

Ihre Beziehung war ein "Reich fein nuancierter Möglichkeiten" und daher liegt es auch an der Leserin, unerhörte Synchronizitäten herzustellen, um die "schöne Verwandtschaft" zu manifestieren, ganz einfach, indem man zwei Bücher nebeneinanderlegt.

Wir schauen also 1940 in einen Raum im Bedford Hotel in New York. Draußen der Klang der Metropole. Gedämpft. Eine Zimmertür geht auf: "Sie hatte ein Gesicht, von dem ich wußte, daß es mich bis ans Ende meiner Tage verfolgen würde, schön, blond, mit kurzen glatten Haaren. Auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck des Leidens, den ich mir nicht erklären konnte. Da sie einfach prachtvoll aussah, konnte ich nur an Myschkins Begegnung mit Nastassja Filippowna in Der Idiot denken, bei der er 'Schrecken, Mitleid und Liebe' empfand", beschreibt Carson die Begegnung mit Annemarie in ihrer Autobiografie.

Gleichzeitig blicken wir 1929 in das Suvretta House in St. Moritz. Annemarie Schwarzenbach beschreibt in der Erzählung Eine Frau zu sehen die Begegnung mit einer Unbekannten in einem Grandhotel in den Schweizer Alpen. Hier geht nun eine Fahrstuhltür auf: "Eine Frau zu sehen: nur eine Sekunde lang, nur im kurzen Raum eines Blickes, um sie dann wieder zu verlieren, irgendwo im Dunkel eines Ganges, hinter einer Türe, die ich nicht öffnen darf –
aber eine Frau zu sehen, und im selben Augenblick zu fühlen, dass auch sie mich gesehen hat, dass ihre Augen fragend an mir hängen, als müssten wir uns begegnen auf der Schwelle des Fremden, dieser dunklen und schwermütigen Grenze des Bewusstseins..."

5 February 2017

Die Retoure

Wenn man es doch schafft, ein Projekt abzuschließen, nach Jahren der selbst gewählten Folter, dramatisch gesprochen, obwohl man es doch als Genuss empfindet, das Arbeiten an etwas, das Können, das Wollen, das Dürfen, sich die Zeit dafür zu stehlen, und damit das Ziel eigentlich schon erreicht sein sollte, dann folgt darauf gelegentlich ein Vertragsabschluss. Auch wenn es sich, wie in meinem Fall, um eine Dissertation handelt, die, in, ja, ich muss es so sagen, streng limitierter Auflage erscheint und die Druckkosten selbst zu tragen sind – zusammengekratzt, immerhin unblutig.

Wenn wir jetzt annehmen, dass jeglicher Vertragsabschluss, nein, bereits das Lesendürfen eines Vertrags, einem Erfolg gleichkommt, da der Graben zwischen dem Ich und Welt etwas enger wird, so bilde ich mir ein, wird dieses Gefühl leider sofort wieder gedämpft. Grund hierfür ist der Absatz "Verramschung, Makulierung". Vom steten Zweifel abgehärtet, daher beruhigt, stelle ich fest, dass ich für mein Druckerzeugnis bei keinem verkauften Exemplar – und bei Rücknahme meinerseits (Ramschpreis, Versandkosten) – nur ein paar Regelböden* freiräumen müsste. Glaube ich. Hoffe ich. Strenge Limitation sei dank.

Kaum auszudenken, ich hätte in den letzten Jahren eine Band gegründet und hätte überzeugt und sehr stark auf physische Tonträger gesetzt. Natürlich keine Kleinstauflage, sondern 500, nein 1000, nein 2000 Stück, plus zusätzlichem Fanpaket (man hat's ja, woher auch immer) für die fiktiven, aber bestimmt kauffreudigen Fans – denn es war alles so gut und so gewollt, auch wenn nicht drängend genug, oder gerade eben zu drängend. Klar.

Wenn sich dann plötzlich ein Vertrieb bei mir melden würde, würde ich wahrscheinlich nicht mehr auf die Stückzahl achten, sondern nur noch auf das im Anschreiben vermerkte Gewicht. Was dann?

Da ist er wieder: Der Graben zwischen dem Ich und der Welt.

Würde ich alles in den feuchten Keller stellen und mich im Vergessen üben, da ich bereits aus Trotz am zweiten Album arbeite (diesmal nur Kassette)? Würde ich alles säuberlich in der Wohnung aufbahren – die Wände entlang. Würde ich alles heimlich in einem Studio verstecken wollen, irgendwo bei den alten Verstärkern und schwarzen Molton darauf legen (die Leichendecke). Würde ich Freunde fragen, ob sie für ihre Retouren schon Lagerraum angemietet haben? Würde ich auf die Deponie fahren? In die Wüste fliegen (Vergleich Atari)? Und was passiert mit dem Merchandise. Warum wollte bloß keiner diese blauen T-Shirts, die im Ankauf so günstig waren? (Weil wahrscheinlich nur die Kids auf dem Cover zu Washing Machine von Sonic Youth blaue T-Shirts tragen.)

Und wie wäre das Gefühl, wenn die Lieferung kommt und sich darin die falsche Platte befände, da der Vertrieb selbst nur den vollgestopfen Lagerraum freischaufeln lässt?

Was, wenn mein/ein Leben davon abhängt, da es doch kein Hobby war?

Wie klingen eigentlich Todesmelodien?

*(Die Regalböden bestehen aus Pressspan. Daher: Das Camp-Konzept. Ästhetik, Popkultur, Queerness ist ab diesem Frühjahr sicherlich irgendwo zu haben.)

11 July 2013

Waahr

Ich war 13 Jahre alt, als ich meine erste »Tempo« in den Händen gehalten habe. Das war im Sommer 1995. Auf dem Cover war Kate Moss zu sehen, wer sonst, und die Titelstory lautete: »Wie besiege ich meinen Chef«. Ein Thema, das einen mit 13 Jahren trifft.

8 July 2013

Hinter der Milchglastür

von Vincent Schmidt, Hong Kong 2005

Das ist der letzte Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Hong Kong betrete ich durch die Hintertür. Nicht über den Flughafen, nicht auf dem Landweg aus China, sondern zu Wasser.

10 June 2013

Vietnam, dance!

von Vincent Schmidt, Hanoi 2005

"Vietnam, dance!" ist der zweite Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Von Bangkok fliege ich nach Hanoi. Vorbei an ausrangiertem Militär-Schrott rollt die Maschine der Thai Airways auf das neue Terminalgebäude des Flughafens zu. Um die Mittagszeit herrscht hier kaum Betrieb. Ich zweifle, ob auf diesem Flughafen überhaupt je Betrieb herrscht. Das Lächeln der thailändischen Stewardess beim Aussteigen entlässt mich in eine andere Welt. Gelächelt wird ab jetzt nicht mehr. Schon die Polizisten vor der Flugzeugtür, oder sind es Soldaten, schauen grimmig und mustern jeden Ankömmling mit abschätzigem Blick. Sie tragen grüne Uniformen, wie alle Polizisten in kommunistischen Ländern und Deutschland.

22 May 2013

Frankfurt ist überall

von Vincent Schmidt, Bangkok 2005

Als ich Vincent 2005 kennengelernt habe, war er gar nicht da. Er existierte nur in der Rede von jemanden. Ein Umstand, der sich häufig wiederholen sollte. Die Abwesenheit wurde zur Normalität. Manchmal hätte man glauben können, es gebe ihn gar nicht. Doch irgendwann kommt jeder von einer Reise zurück.
Ich habe mit Vincent bereits über Ost-Timor, Somaliland, Irakisch-Kurdistan und Pakistan gesprochen. Nun habe ich ihn gebeten, ein paar Reisenotizen für Minusvisionen aus dem Archiv zu holen. "Frankfurt ist überall" ist der erste Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Licht an. Zuerst der Blick auf die Uhr, kurz nach fünf in der Früh, dann durchs Zimmer. Beigetöne deuten an, dass sie einmal weiß waren, das Holz des Schreibtisches scheint einst dunkler und in seiner Farbigkeit intensiver gewesen zu sein. Wenn ich barfuß eine Weile über den Teppich laufe, sind meine Fußsohlen schwarz. Das "Asia Hotel" ist verblichener Luxus. Die Einrichtung erzählt von einer Zeit, die längst vergangen ist. Schreibtisch, Kommode, Wandschrank, Kingsize-Bett, zwei Ledersessel um einen niedrigen Holztisch – alles in diesem Zimmer ist im gleichen Stil gefertigt, Zufälligkeiten sind ausgeschlossen. Die Harmonie zwischen Einrichtung und Raumsituation ist perfekt. Für jedes Möbelstück scheint nur ein einzig denkbarer Aufstellungsplatz zu existieren.

1 January 2013

Ist der Kater zeitgemäß?

"All it comes down to is this: I feel like shit but look great.", stellt Patrick Batemen fest, als er nach einer durchzechten Nacht in einer Konferenz sitzt. Wenn man einem Nivea-Werbespot Glauben schenken darf, scheint es heutzutage vielen Angestellten so zu gehen. "Frisch aussehen, egal wie lang der Abend war", heißt es vielversprechend. Der Kater wird weggecremt und somit auch eine wichtige Erfahrung. Denn ein Kater entschleunigt. Ein Kater entkoppelt Geist und Körper vom Alltag. Ein Kater schärft alle Sinne auf unbekannte Weise. Alles wird neu erfahren: der Kaffee, das Brötchen, die Fasern der Decke, der Sound zu Radios, der Geruch des Anderen. Vorrausetzung ist, dass man sich ohne Scham und ohne schlechtes Gewissen dem Sein hingibt und den Kater zelebriert: mit Tee, schlechten oder guten Filmen, Erinnerungen, Gesprächen, einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Eine positive Einstellung zum Kater predigt auch Tom Hodgkinson in "Anleitung zum Müßiggang". So kommt er zu dem Schluss: "Wie bei allen Aspekten des Müßiggangs sollten wir uns dem Druck setzen, alles in unserem Leben abzulehnen, was nicht in das Paradigma des Produktiven, Vernünftigen und Arbeitssamen passt, das die Gesellschaft und wir selbst uns aufdrängen. Richtig leben zu lernen kann einschließen, dass wir lernen, den Kater zu lieben."

20 August 2012

Immer wieder L.A.

L.A. ist keine Stadt, glaube ich. L.A. ist vielleicht eine Vorstellung von einer Stadt, die man in Europa nicht kennt. In der Mitte ist nichts.

L.A. kann das Synonym für die Summe aus Beton sein, oder für die Anzahl von Swimmingpools, Straßengangs oder eines Filmbudgets. L.A. ist vielleicht ein Versprechen, das Hollywood gemacht hat und nie erfüllen wird. L.A. sind Beschreibungen, gebündelt in einem imaginären Gespräch mit F. Scott Fitzgerald, Kenneth Anger und Tom Kummer. Oder ist L.A. ein Gefühl, ein abstraktes Bild, eine Erinnerung, ein Trauma, das einen nie mehr loslässt?

13 August 2012

Ab in die Mitte

Vor ein paar Jahren war es Sasha Grey, im Moment ist es James Deen. Zwei Pornodarsteller, deren Namen plötzlich dazu dienen, um im Feuilleton mindestens zwei Spalten zu füllen oder Interview- und Bildstrecken für das Lifestyle-Segment zu liefern. Für Mainstream-Medien ist es wohl ein ökonomisch dankbares Miteinander zweier massenkultureller Systeme, auch wenn die Differenz zum Eigentlichen – der Pornografie im Vordergrund steht.

22 July 2012

Das Unentfliehbare

Wir können der Angst dankbar sein. Ein Angst auslösender Reiz wird wahrgenommen, klassifiziert und dazu benutzt, eine Reihe von Reaktionen des Organismus auszulösen. Wir schwitzen. Unser Puls geht schneller. Unser Herzschlag verstärkt sich. Wir bewegen uns. Wir bewegen uns schnell. Schneller als je zuvor. Jeder, der sich aufgrund eines bedrohlich erscheinenden Schlüsselreizes schon einmal bewegen musste, den stärker werdenden Schmerz in Beinen, Armen und Lunge ignorierte, rettete sich für einen Bruchteil einer Sekunde vor dem Gefühl der Angst, indem er sich erstaunt über die eigene körperliche Leistung gezeigt hat. Alles ist so klar. Und die Möglichkeit der Bewegung schlechthin, verweist uns auf die Eventualität des Überlebens. Wir bewegen uns weiter. Im besten Fall mit einem Ziel. Die Insel ist nah.

17 July 2012

"Und es war Sommer..."

Erst kürzlich stellte eine Sonntagszeitung die Frage, welches Geschlecht besser über Sex schreiben kann. Die Antwort darauf musste sich der Leser selbst geben. Auf der ersten Seite waren nur Textausschnitte zu sehen, die auf der Folgeseite dem entsprechenden Autor zugeordnet wurden. Zwar könnte man ebenfalls die Frage eröffnen, ob diese Themenwahl den Kultursommer eröffnen sollte, doch wie der geplante Zufall es will, könnte eine ähnliche Frage jetzt in Bezug auf "Shades of Grey" von E. L. James gestellt werden. Kann diese Frau über Sex schreiben? Doch die Diskussion über die literarische Qualität des Buches und der sprachliche sowie dramaturgische Umgang mit dem Thema scheint nicht der Auslöser des Hypes zu sein. Warum auch, denn bereits nach dem ersten Absatz wird deutlich, dass es hier nicht um Poesie geht, sondern um die lahme, ausufernde Ummantelung eines Themas, das immer Leser findet: Sex. Zur Sicherheit wird auf "BDSM" zurückgegriffen. Effektiv, könnte das Fazit lauten. Diese Effizienz bezieht sich dann weniger auf die körperlichen Reaktionen, sondern eher auf den Absatz des Buches, das in drei Teilen und mit einem unberührbaren Samtcover daherkommt. Gleichzeitig ist "Shades of Grey" jene "gateway drug" für angedrohtes Merchandising und Folgeromane. Vorreiterin für letzteres könnte dabei James selbst sein, denn angeblich soll die Autorin eine Trilogie aus Sicht des männlichen Protagonisten in Aussicht stellen. Doch mit Sicherheit sitzt irgendwo in Deutschland ebenfalls ein Autor und feilt unter einem Pseudonym an einem Tabuthema und dementsprechend an einem wohl durchdachten und vermarkteten Skandal, der dann in Relation zu "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche gesetzt wird. Zur Sicherheit sollte der Autor eine Frau sein.

19 February 2012

Beim Schälen einer Kokosnuss

Zu Beginn, also bis spätestens eine Woche vor offizieller Publikation des neuen Romans von Christian Kracht "Imperium", war alles wie immer. Erste Hinweise zu dem neuen Buch in kurzen Abrissen zur Frühjahrsliteratur, hin und wieder das Wort Kokosnuss, oder hier und da ein wohlwollendes Portrait des schweizerischen Schriftstellers. Gut positionierte Häppchen, die den geneigten Leser Appetit machen sollten, auf das, was kommen mag. Routinierte, gut angelegte Printpromotion.

20 December 2011

"Wie der glatte Raum"

Man sagt, dass der spezifische Moment des Reisens die Neugier auf Neues und die Erfahrung der Fremde ist – des Anderen. Man sagt, dass diese grundlegende Erfahrung heutzutage suspendiert wird. Denn gibt es noch den unbeschriebenen Raum? In dem Gespräch mit Vincent Schmidt steht die Suche nach Ländern im Vordergrund, "wo es noch relevante Erfahrungen zu machen gibt und die politisch brisant bis stürmisch sind." In Ost-Timor, Somaliland, Irakisch-Kurdistan oder Pakistan? Ausgangspunkt für diese und andere Bewegungen waren Erlebnisse während einer 'Weltreise'. Ein Augenblick der hiesigen Abwesenheit, der später zum Kennenlernen geführt hat und bezeichnend für ihn wurde.