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22 April 2020

Eitelkeit ist eine Strategie

Skype, WhatsApp, Zoom – oder doch einen anderen Anbieter wählen? Sofern das Gesicht als das oberflächliche Identitäts-Billboard mal ohne Mund- und Nasenschutz gefordert wird, scheint das in Pandemiezeiten mit Kontaktverbot die Frage der Stunde zu sein, die neben dem steten Grübeln über den Datenschutz – flankiert durch die paranoide Frage, ob die Videoüberwachung nun von außen nach innen gewandert sei – zu Überlegungen wie diesen führt: Ziehe ich mich an? Was ziehe ich an? Business, Smart Casual, zum Spaß Black Tie oder Abendrobe? Muss ich mich für die nächste Schalte schminken – gar die Haare machen? Und vor allem: Wo stelle ich den Computer auf? Auf den Schreibtisch – mit oder ohne überlegt vollgestopftes Regal im Hintergrund? Küche? Balkon? Wohnzimmer? Was, wenn der Wohnraum lediglich aus einem Zimmer besteht? Ist dieses schrecklich unaufgeräumt, zeichne ich dann lieber den Hintergrund weich oder wähle ich aus einer Vorlage?

Während mehrmals am Tag mit tiefen Skepsisfalten auf der Stirn die Aufkleber von den Kameras geknibbelt werden, die eigenen Zeichen genauestens verwaltet und die empfangenen wie eh und je dekonstruiert werden, und einige Köpfe den finalen Siegeszug der Videotelefonie zu beobachten scheinen, weiß die Literatur wie immer mehr. So beschreibt David Foster Wallace in Unendlicher Spaß auf mehreren Seiten durch Eitelkeit beförderten "Videophoniestress", der für einen Boom von Videophonmasken und digitalen Tableaus sorgt, die schließlich zum Niedergang der Technik führen. In seiner Fiktion wird nicht gefragt "Was geschieht mit meinem Bild", sondern "Wie komme ich an?". Eitelkeit fördert eine Identitätstravestie, Gesicht- und Körper-Variationen werden nach Belieben an- und abgelegt, wie es einige Filterfunktionen außerhalb der Literaturen längst können.

"Im vorliegenden Fall führte die Evolution der Stress- und Eitelkeitskompensationen dazu, dass Videophonnutzer zunächst ihre eigenen Gesichter ablehnten, dann sogar ihre bis zur Unkenntlichkeit maskierten und digital bearbeiteten Ebenbilder und schließlich die Videokameras in toto abdeckten und den TPs ihrer Gesprächspartner nur noch attraktiv gestylte statische Tableaus übermittelten. Hinter diesen Objektschutzdioramen und gesendeten Tableaus waren die Teilnehmer plötzlich wieder stressfrei unsichtbar, hinter den Star-Dioramen konnte man wieder eitelkeitsfrei ungeschminkt, toupetlos und tränensackverschandelt sein, man hatte – da wieder unsichtbar – die Freiheit zum Kritzeln, Pickelprüfen, Maniküren und Faltenchecken zurückgewonnen […]."

Unsichtbar, da steht es, ein – wie "systemrelevant" oder wenigstens "normal" – lange nicht mehr ausgesprochener, unerreichter Zustand, der durch Mund- und Nasenschutz, denn plötzlich wird dieser fester gezurrt und das Ablegen verweigert, die Gedanken kitzelt, wenn schon Smartphone und Computer nicht mehr abgeschaltet werden können.

21 August 2018

The Conversation

1974 erschien The Conversation (dt. Der Dialog) von Francis Ford Coppola. In der Hauptrolle Gene Hackman als Überwachungsspezialist Harry Caul. Er hat den Auftrag, ein Paar zu observieren, das sich jeden Tag zur selben Zeit auf dem Union Square in San Francisco trifft. Caul soll die Unterhaltung der beiden aufzeichnen. Es gelingt ihm, und er kann sogar eine entscheidende Passage von Störgeräuschen befreien: "He’d kill us if he got the chance" ist zu hören. Caul verstrickt sich in die Ahnung, dass sein Auftraggeber die Observierten umbringen möchte und erkennt erst spät, dass es die Überwachten sind, die ein Mordkomplott gegen diesen planen. Eine Erkenntnis, die ihn selbst zum Überwachten werden lässt.

"We'll be listening", sagt eine Stimme, der Assistent des Auftraggebers, am Telefon zu Caul, der zuvor noch Saxophon spielend im Erker saß. Darauf durchsucht Caul seine vier Wände, durchwühlt Regale, überprüft Lampen, Steckdosen, Vorhänge – alles. In seinem Wahn reißt er sogar die Tapeten von den Wänden, hebelt die Dielen auf. In der letzten Sequenz sitzt er schließlich in seinem zerstörten Appartement und spielt wieder Saxophon – seinen Blues for Harry. Ob er die Wanze gefunden hat, bleibt offen. Irgendwo lauert vielleicht jemand mit einem Richtmikrofon. Der Zuschauer weiß es nicht. Harry Caul weiß es nicht.

Harry Caul hat seine Wohnung zerhackt, weil ihn jemand abhört. Niemand will bespitzelt werden. Selbst wenn nur die Gespräche in der Nachbarwohnung zu laut werden, wechselt man beschämt das Zimmer, weil die Misere schon nach drei wage verstandenen Sätzen zu deutlich ins Bild gebracht wurde. Abhören ist etwas schlechtes, das selbst im Polizeieinsatz im Zwielicht bleibt.

Am Nachmittag wird ein Buch auf dem Nebentisch in der Eisdiele entdeckt, das Gründe liefert, sämtliche Social-Media-Accounts zu löschen, ohne seine Wohnung zu zerstören. (Dennoch: "Was gibt es neues auf Netflix?" Und während des Films: "Muss ich kurz googeln".) Ich stimme Nutzungsbedingungen zu und verliere, Bürgerrechte. Jemand spricht in mein Ohr über ein altes Nokia-Telefon, denn es müsse auf ein Smartphone verzichtet werden. Schon zu oft seien die abendlichen Gesprächsthemen in der Küche am nächsten Tag in der Nachrichten-App auf Platz eins aufgetaucht. Und wieso geht der Fernseher manchmal einfach an.

Dielen, Tapeten, alles ist noch an seinem Platz. Die Lampen hängen noch. Die Steckdosen sind weiterhin intakt. Das Geschirr ist ganz. Die Vase leer. Das Handy blinkt im Nebenraum. Überall nur etwas zu viel Staub. Wespen summen.

Mein Facebook-Ordner (erstellt am 27. April 218) umfasst 107,2 MB. Geht doch noch, denke ich. Das sind 10,5 Jahre.

28 May 2018

Im März war das Wetter schlechter

Sie haben geredet. Daniel Kehlmann und Salman Rushdie. Davon zeugt ein Interview. Sie haben geredet. Über ihre Arbeit als Schriftsteller, die gegenseitige Anerkennung und Freundschaft, sowie über ihr Leben in New York. Ich spüre ein Ziehen in der rechten Brust und ein Schmerz auf Hüfthöhe. Zwei Telefonate. Die Sonne ist ein Witz. Auf dem Cover des SZ-Magazins sind beide Autoren wie Vater und Sohn abgebildet. "Schreiben ist das Härteste, was ich je unternommen habe", steht da noch.

Ich sitze an meinem Sweat Desk und habe zwanzig Euro mit einer Rezension verdient. Mein monatlicher Mietanteil beträgt 300 Euro. Jenseits von New York höre ich meinen Nachbarn husten. Ich friere in meinem Bad. Doch der Wasserdruck ist gut.

"In größeren Städten wie Manhattan kann man nicht mehr auf interessante Weise arm sein", schreibt Chris Kraus in ihrem Roman Torpor und meint die Neunzigerjahre. Kehlmann redet von New York in den Siebzigerjahren und meint Berlin. Die Gegenwart. Die Geschichten zu beliebten Fotos, auf denen heruntergekommene Altbauwohnungen und Räume in Brown Stones zu sehen sind, wirken nur aus weiter Ferne oder auf Buchumschlägen schön. Sonst war man einfach sehr arm. Eh vorbei. Großstadt.

Containerpark jetzt.

Ich erhalte eine Nachricht aus Köln. "Warte seit hundert Jahren auf mein Geld aus München. In dieser Notsituation habe ich deinen Rewe-Gutschein gefunden. Mega Rettung. Danke. Großartig." Deutschlands Künstler. Ich antworte: "Leider weiß ich nicht mehr, wie viel Geld drauf ist. Mindestens zehn". Es waren 15 Euro. Woher kommen die Schmerzen?

Das Interview verliert mich weiter und ich bereite meinen Stimmzettel für die Oscar-Verleihung vor. Greta Gerwig erhält von mir den Preis für das beste Originaldrehbuch. Einfach so. Dabei denke ich an einen Dialog aus Frances Ha, in dem sie vor ein paar Jahren die Hauptrolle gespielt hat: "So what do you do?", wird Frances, die als Tänzerin scheitert und ihre Wohnung in New York verloren hat, von einem gewissen Andy gefragt. "Eh... It's kinda hard to explain", entgegnet sie. "Because what you do is so complicated?", insistiert Andy weiter. Darauf Frances: "Eh… Because I don't really do it".

Ich bin gar keine Autorin.

Ende der Sechzigerjahre schreibt Joan Didion: "Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde Nacht für Nacht bellten und immer Vollmond war". Sie erinnert sich an ein "großes Zittern", an eine "strudelartige Spannung", die sich in Los Angeles ausgebreitet hatte wie eine bedrohliche Dämmerung, die das Ende des letzten Tages ankündigt. Es ist die Zeit kurz vor den Morden im Haus der Schauspielerin Sharon Tate durch Mitglieder der Manson Family. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", kommentiert sie die anschließenden Reaktionen auf die Tat vom 9. August 1969. Der Abgrund als Gewohnheit bei Katastrophenwetter. "Erdbebenwetter", laut Raymond Chandler. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", denke ich die ganze Zeit, auch als Kehlmann und Rushdie nach der Metoo-Debatte in der Literaturszene gefragt werden.

Greta Gerwig bekommt keinen Oscar. Die Kleider auf dem Red Carpet sind bunt.

In der Woche darauf verdiene ich 210 Euro. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und verhungere nicht.

"Ich arbeite an etwas", kann ich nur noch bis 40 sagen, ohne die Erwartung einer monatlichen Ausschüttungen oder ein baldiges Erbe. In der Zukunft haben ich ein Problem, wie ich es in vielen Artikeln auf Spiegel Online gelesen habe. Ich sehe mich also als Frau, als Cat Lady, als Bag Lady. "Bag lady you can hurt your back", sang Erykah Badu.

Ich arbeite an etwas und unterdrücke ein Gefühl, als ein 18 Monate altes Kind für einen kurzen Augenblick mit der Wange eine Haarsträhne der Mutter berührt. Eine fast unbemerkte Geste der Zuneigung und Absicherung – liebevoll, heilend, unkritisch.

Es gab eine Zeit des Glaubens, als Tag für Tag eine Katze vor meinem Fenster hockte und um meine Aufmerksamkeit buhlte, während ich einen Film schaute, dem Pfad dieser Jungen folgte, Stand by me und ein Liter Eiscreme (Vanille, gut & günstig) und ebenso wie sie hoffte, den Umständen zu entkommen, während gleichzeitig der Wunsch nach einem Erzähler wuchs und wuchs, der sich erinnert und berichtet.
"I never gonna get out of this town am I, Gordy?."
"You can do anything you want, man."
"Yeah, sure."

16 February 2018

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 Closeup II

1000 Euro brutto, denkt sie, die Verkäuferin in Vollzeit, dort, an einer Bushaltestelle sitzend, durch die Neonbeleuchtung von der winterlichen Dunkelheit abgehoben, in den Fokus gerückt; dort, an einer von vielen Karl-Marx-Straßen.

1000 Euro brutto. Das war und ist für diese – jede – Region unterdurchschnittlich. Bis zu 2000 Euro brutto wären in dieser Stadt, um diese Karl-Marx-Straße gespannt, möglich: dank über 40 Jahren Berufserfahrung mit Leitungsposition, auch wenn in den Dokumenten zulange ‚mithelfende Ehefrau‘ stand. Das ahnt sie. Sorge und Angst überwiegen. (Dank der großen Witwenrente, so kann der Leser sich beruhigen, sind es wieder – immerhin – 1000 Euro netto und davon, die Erfahrung bezeugt es, kann sie neben Miete, Nebenkosten und Haushaltsgeld sogar das Auto abbezahlen, das ihr nach dem Tod des Mannes geblieben ist.) 1000 Euro netto.

Eine Frau an einer Bushaltestelle ruft mir etwas zu und reißt mich aus meinen eigenen Gedanken, in denen ich beim Blick auf die Straße – durch Frost und Nieselregen in ein Kleid aus Perlmutt, oder besser: in ein glitzerndes Universum verwandelt; die Unendlichkeit zu Füßen – verloren war. „I’m a connoisseur of roads“, fällt mir ein. „I’ve been tasting roads my whole life. This road will never end. It probably goes all around the world.“ Ich weine beinahe.

Ich möge ihren Hund kurz ausführen. Nur ein paar Meter mehr für den Hund. Sie schaffe dies nicht mehr. Sie sei müde. Ihr Hände seien geschwollen. Und erst die Füße. Immer sind es die Füße, die schmerzen.

Der Hund, ein Havaneser, und ich blicken uns fragend an. Zögernd ergreife ich die Leine und gehe langsam los.

15 August 2017

Ich, ohne Führerschein

"Georg: Man sitzt in einer Blase und hört nichts außer diesem angenehmen Schnurren.
Inga: Wunderschön. Beruhigend. Alles Störende bleibt draußen. Gott, ist das hier häßlich.
Beide lauschen.
Inga: Das nennt sich Psychoakustik. Damit sind Tausende von deutschen Ingenieuren beschäftigt, deswegen sind die Autos auch so teuer. Und wenn dann einer kommt und sich so ein teures Auto kauft, dann will er sein neues Exoskelett natürlich auch schön ausfahren ... Deswegen gibt es auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Todesrasen ist ja nur in Deutschland erlaubt, damit alle denken, sie seien – frei.
Georg: ... ich hab Hunger."

An diesen Dialog aus Finsterworld denke ich immer öfter abseits einer Autobahn, wenn 700 PS starke Fahrzeuge in Dreißigerzonen voll ausgefahren werden und ich Angst erfüllt flach an einer Häuserwand klebe und versuche in die Schutz spendende Einbuchtung zu gelangen, die zum Eingang führt. Wenn mich das Geräusch eines heranschnellenden SUVs dazu bringt, hinter einer Hecke am Straßenrand Schutz zu suchen. Wenn ich während der Hass getriebenen Hauptverkehrszeit an einer Straßenkreuzung stehe und vor dem Überqueren noch schnell verschiedene Unfallszenarien in meinem Kopf durchspiele, um doch noch die rettende Bewegung zu eruieren, die schützende Lücke zwischen Metall und Asphalt für meinen Körper zu finden, um immer wieder zu dem bitteren Schluss zu kommen: es sieht schlecht aus. Wenn ich am Ende des Tages Fahrradfahrer mit einer goldfarbenen Schärpe ausstatte und das Absteigen applaudierend begleite. Wieder einen Tag überstanden: gemeinsam mit jenen Pkw und Motorrädern, die mit rotem Kurzzeitkennzeichnen und Gopro-Kamera ausgestattet, zur dröhnenden Höchstform auflaufen, aber auch mit all den zähnefletschenden Sport Utility Vehicles, mit denen der Stadtalltag bestritten wird, indem die Stadt und die Welt einfach ausgeklammert werden. "Alles Störende bleibt draußen", stellt Inga fest.

Und die Stadt wird eine künstliche. Das bewegte Bild von ihr fällt durch die Fenster ins Innere des Autos ein. Es ist wie Schauen im Kino, ein Effekt, der sich sonst nur einstellt, wenn du mit deinem Rotweinmagen im Fond eines Taxis liegst. Wenn Schilder oder Menschen zu sehen sind, stellen sie nur noch ein mögliches Detail in der Szenerie dar – keine Tatsache.

Ich bin die Figur rechts auf dem Trottoir. Ich habe übrigens keinen Führerschein. Ich habe mit 18 Jahren das Land gegen die Großstadt und darauf die Großstadt gegen eine Metropolenregion eingetauscht.

Ich gehe gerne. Ich fahre gerne Zug. (Ich bevorzuge die klassische Ankunft.) Bus und Taxi nur im Notfall. Ich habe eine Monatskarte und Erfahrungen: Neben den vielen ungezählten Schritten, den Anderen in ihrem Sein, der Last der Taschen und dem Hagel im Gesicht weiß nur ich, wie es ist, wenn ein Umzug auch postalisch erfolgen kann, wie es durchaus möglich war, als ich noch in möblierten Zimmern gewohnt habe. Ich kenne aber auch die Starre der Zeit an Haltestellen und auf Bahnhöfen zwischen zwei Fahrtabschnitten. (Ich denke an 30 Minuten Ewigkeit und einige qualvolle Stunden in Hamm. In solchen Momenten half Musik, Literatur und Journalismus. Und wo liest es sich schöner als in kalten Bahnhofshallen oder im Zug?) Und ja, hin und wieder muss ich Sätze ertragen wie: "Wer fährt denn jetzt? Denn die einzige Person, die noch nüchtern ist, hat keinen Führerschein."

Dann bestelle ich mir ein Glas Rotwein.

7 August 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Closeup

Mit der selben Überraschung, die ich früh am Morgen über das rege Treiben auf den Bahnhöfen und in den Zügen verspüre, warte ich an drei Tagen zwischen 21 und 24 Uhr auf einen Regionalzug, der mich in die nächste Stadt nach Hause trägt. Jeder ist da.

Umso später die Stunde, umso härter die Nackenmuskulatur, die mir trotzig zeigt, dass meine Haltung während der zuvor verrichteten Arbeit falsch war. Ich dulde den Schmerz. Ich war schnell. Zur Belohnung esse ich eine Waffel am Stiel – ohne Puderzucker. Ich sehe das Gras zwischen den Gleisen, das schon immer da war und grün schimmernd zwischen den Steinen wächst. Inmitten der Halme sind Mäuse auf der Suche nach Futter zu sehen. Eine huscht mir auf dem Bahnsteig über die Schuhe. Sie sind nur hier, weil wir es sind.

Beim Gang durch die nächtliche Stadt meinst du mich, wenn du über die Lichter in den Bürogebäuden sprichst. Wir sind es. Jeder ist in seinem Großraumbüro allein. Es gibt keine Namen. Für zehn Euro die Stunde bin ich die, die dir die Startseite aktualisiert und dir das Gefühl des ewigen Jetzt gibt. Ich erschaffe dir unendliche Welten aus Bildern. Ich unterhalte dich mit einer Umfrage und einem Quiz. Ich schreibe eine Glosse zu dem Aufregerthema des Tages, die du nicht lesen wirst. Ich gleite durch Twitter und Facebook, um nachzuvollziehen, was dir gefällt. Reicht es für einen Artikel? Ich nehme freundlich die Texte freier Mitarbeiter entgegen und bedanke mich. Ich sorge dafür, dass erzählende Elemente aus den automatisch einlaufenden Printartikeln entfernt werden und die Idee getötet wird. Die Story lebt, doch nach mir gibt es keine Überschriften und Einleitungen mehr, sondern nur noch Headlines und Teaser. Kommst du mit mir hinter den Vorhang? Ich lösche eure Kommentare, wo auch immer ihr zu laut sprecht, und schreibe, wenn es die Zeit zulässt, höflich im Namen der Redaktion. Während du und zehn andere entrüstet antwortet, kündige ich die letzten Sportergebnisse in den sozialen Medien an und bearbeite fortlaufend den Posteingang. Ich warte auf einen DPA-Artikel. Ich warte auf neue Bilder. Das Telefon bleibt still. Heute ist nichts passiert.

Nach ein paar Stunden verfasse ich eine Übergabe per E-Mail. Ich rede über Inhalte und Aufgaben, ich meine Workloads.

Irgendwann war es wie abwaschen. Ich war im Fluss. Ich war fehlerfrei.

Ich habe dabei Musik gehört.

"Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017", eine Erzählung, Format und Ausmaß unbestimmt. Bisher erschienen: Prolog, Die Tiefpunkte, The Culture I, Überforderung

22 June 2017

Im Verborgenen

Vor einiger Zeit veröffentlichte das Magazin Metamorphosen einen Call for Papers zum Thema Arbeit. Ich habe den Aufruf kurz vor Ablauf der Deadline wahrgenommen, als ich einen Businessplan verfassen musste, dessen literarische Qualitäten gemessen am Grad der Wahrhaftigkeit groß, die poetische Finesse jedoch gering war. Daher habe ich den Gedanken verworfen, diesen Text als Beitragsvorschlag einzureichen. Ebenso außer Frage stand die Einsendung einer alten, nicht veröffentlichten Kurzgeschichte über eine Textarbeiterin, die über das Ruhrgebiet berichten soll, das nur noch ein großes Loch mit wenigen belebten Zonen ist, weil zu einem unbestimmten Zeitpunkt sämtliche alten Bergwerksstollen eingebrochen und synchron fast vergessene Weltkriegsbomben hochgegangen sind. Eines der wenigen unbeschadeten Gebäude ist das Opel-Werk in Bochum, das zu einem (unbesuchten) Museum des 20. Jahrhunderts umgewandelt wurde, in dem jeder Besucher, so der Gedanke, selbst Autofahren kann und eine Wand zu bestaunen ist, auf der sämtliche Ölpreise festgehalten wurden. Daher blieb lediglich der Versuch, einen neuen Text zu verfassen.

Die Deadline verstreicht, als ich spazierend in das Album Mach’s besser von Die Sterne höre, auf der Peter Licht eine rührende Version von Universal Tellerwäscher darbietet. Während das Original zum Tanz verleitet und die Konzentration auf der Bewegung liegt – auch wenn es nur eine gedankliche ist – rückt die balladeske Interpretation den Text in den Fokus.

"Er kennt sich schon Lange
Und er kann sich nicht mehr sehen
Dabei gibt es wirklich 1000 schöne Filme über ihn

Als den Universal Tellerwäscher
Im Studio
Er wäscht wirklich Teller
Er tut nicht so"

Stimmt. Der Tellerwäscher macht seine Arbeit wirklich. Wir sehen ihn in strobohaften Sequenzen während des Restaurantaufenthaltes, wenn sich die Schwingtür zu Küche hin öffnet und nur zögerlich beruhigt. Dort hinten am Edelstahlbecken steht er und wäscht Teller in Weiß gekleidet.

"Er wäscht keine Teller / Er tut nur so", führe ich den Refrain in Gedanken weiter. Und variiere, ohne das zuvor gedachte durchzustreichen: "Er wäscht wirklich Teller / Doch tut so als ob nicht".

Denn, so scheint mir, manifestiert sich Arbeit in einigen Bereichen dadurch, dass Insignien einer unterstellten Leistung zur Schau getragen werden, die eigentlich ausgebübte Tätigkeit unbekannt (weil schon verschwunden?) ist. Oder es wird durch schmal geschnittene Anzüge, edle Businesskostüme, Fashion oder exzessiver leisureness eine bestimmte Position oder (zeitlicher) Wohlstand ausgedrückt, was noch mit der Vorstellung von erbrachter, erfolgreicher Arbeit einhergeht, doch die damit verbundene Bemühung verschleiert bleibt. In letzterem Fall sind wir wieder in Hollywood: Kaum war Marylin Monroe im August 1962 verstorben, nutzte Andy Warhol für sein Marylin Diptych ein Pressefoto zu dem Film Niagara aus dem Jahr 1953. Das Zusammenspiel des ursprünglichen Fotomaterials, das Monroe als type geprägt hatte, mit der Überhöhung im Werk lenkt in dem Moment den Fokus auf die Künstlichkeit der Figur, als die Bilder des toten Körpers der Schauspielerin und des zerwühlten Bettes kaum verblasst waren. All die Anstrengung, all die Arbeit, bis dahin im Verborgenen gehalten, wurde kurz sichtbar.

Wäre sie doch faul geblieben.

7 May 2017

Unternehmer wie wir

Staaten können wie Unternehmen geführt werden. Das eigene Leben somit auch, beispielsweise indem unliebsame Aufgaben an externe Dienstleister ausgelagert werden. Das kostet zwar, aber das finanzielle Investment soll zur Maximierung eines noch höheren Gutes dienen: Zeit. Dieser stehen die größten Probleme eines erfüllten, modernen Lebens im Wege: Putzen und Kochen.

Die Gebeutelten haben daher zahlreiche Plattformen zur Verfügung, die Reinigungskräfte vermitteln: einfach und günstig. Implizierter Grund für die Buchung ist hier keine bloße Abneigung gegen das Putzen, sondern fehlende Zeit. Diese wird Dank der tatkräftigen Unterstützung zwar nicht zurückgewonnen, muss aber ebenfalls nicht von der Freizeit abgezwackt werden.

Wehmütig sind nur jene, die die kontemplative Wirkung des Staubsaugens zu schätzen wussten, die inspirierenden Bewegungen des Badputzens und den gelegentlich aufkommenden Unmut gegen alles. Ein Gefühl, das einfach zugelassen und ertragen wurde.

Auch Kochen ist eine Last und Essen eine schlichte Notwendigkeit – zudem gibt es ein Problem: urplötzlich eintretender Hunger, ein leerer Kühlschrank, Überstunden, eine dreckige Küche, schlechtes Wetter zum Einkaufen, körperlich spürbarer Liebeskummer, ein schwerer Hangover. Klar: in solchen Fällen wird eine Nummer gewählt. Und plötzlich wird die Zeit des unnötigen, kräftezehrenden Herumstehens in der Küche abgelöst von "Deiner Zeit", so das Werbeversprechen. Nichts schöner als das. Meine Zeit. Unsere Zeit.

Zeit, in der ich hungrig warte, das Magenknurren zähle, die hereinwehenden Früchte des Löwenzahns beobachte, die ihr haarigen Flugschirme auf meinem Bett abwerfen, die ich dann durch meine Atmung in Bewegung halte. Kleine bauschige Freunde. Zeit vergeht. Vorbei das leidvolle Umrühren einer Hühnerbrühe, deren Duft einen bloß wieder in die Fänge der Melancholie schuppst.

Doch die Momente gehören uns nicht. Denn wird die 'gewonnene' Zeit tatsächlich dazu genutzt, um diese mit sich, mit der Familie und Freunden zu verbringen? Meistens wird dann doch nur gearbeitet, um sich den Service leisten zu können. Die Effizienzheinis freuen sich, weil so die entscheidende Warum-eigentlich-Frage nicht aufkommt. Zur Vorbeugung wird schnell die Jeggings angezogen, um bloß keinen Widerstand, bloß kein Problem am Körper zu spüren, kein nerviges Zwacken, das auf etwas Größeres hinweist, mit dem sich der Mensch auseinandersetzen müsste, gar lernen müsste damit zu leben. Doch warum auch: meinem Avatar geht es doch gut.

9 April 2017

Eigentlich. Aber. Und.

Andy: So what do you do?
Frances: Eh… It’s kinda hard to explain.
Andy: Because what you do is complicated?
Frances: Eh… Because I don’t really do it.

(aus: Frances Ha, 2012)

Im Dezember 2006 schrieb Georg Diez in der Tempo-Jubiläums-Ausgabe "Gegen die Eigentlichkeit" an. Das Phänomen dieser "Neuen Eigentlichkeit" konnte er an all jenen beobachten, die sich zwischen mehreren, meist schlecht bezahlten Jobs bewegten, und das, vor ihrem Notebook sitzend, Naan-Pizza essend und Espresso Latte trinkend, schöngeredet haben – wabernde Musik hörend. Möglich, weil ihnen ein kleines Wort beiseite stand: "eigentlich". Es verhinderte die Bekenntnis zur Unentschlossenheit, wodurch die persönliche und gesellschaftliche Misere geschickt vernebelt wurde. (Statt: "Ich kellnere zwei bis drei Mal die Woche und arbeite als [...], weil ich von der Tätigkeit als [...] nicht leben kann" hieß es: "Ich kellnere, aber eigentlich bin ich [...]").

Die Neue Eigentlichkeit attestierte er für Deutschland, wurde in dem Beitrag aber insbesondere an Menschen zwischen 20 und 30 Jahren in Berlin-Mitte exemplifiziert: "Sie sitzen in Prenzlauer Berg in Ladenbüros, die aussehen wie ein Modesalon, der eigentlich eine Galerie ist, die eigentlich ein Architekturbüro ist, das eigentlich ein Restaurant sein soll. [...] Sie sind Popstars, die Kellner sind, oder Praktikanten, die noch eine zweite Karriere suchen".

Sie waren gerne eigentlich und betrachteten sich als gleichberechtigter Spieler in der Flexibilitätsarena.

Ebenso wie Adorno in "Jargon der Eigentlichkeit" die offizielle Sprache der Nachkriegszeit kritisierte, weil er in dieser eine Verlogenheit erkannte, die es auch vermochte, "Nichts als Etwas" zu bezeichnen, stand der Eigentlichkeitsgebrauch anno 2006 bei Diez für eine Romantisierung der Ausbeutung. Von oben wurden Ideen vom Projekt des Lebens, der Flexibilität und des Optionismus als Wahl offeriert, obwohl es für viele bereits ein Diktat war.

Die Eigentlichkeitskultur besteht weiterhin. Obwohl jenes Eigentlich durch ein Und ersetzt werden kann. Denn es bleibt beruflich das, was es schon immer war: eine Aneinanderreihung von Jobs. Jeder muss alles sein. Ein Ich sucht Verwertungskette. Matthias Schweighöfer singt. Andere sind dauergestresste Allrounder geworden, die keine Chance mehr haben, ihre Fähigkeit oder ein Talent besonders stark auszuprägen, aber dafür über drei weitere Skills so gut verfügen, dass sie weder positiv noch negativ auffallen und dadurch die Miete zahlen können. Man nennt es Standbeine, zu denen eine als Album getarnte Playlist die richtigen Songs bereithält.

3 April 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
The Culture I

Berlin ist ein stummes Standbild mit bestreikten Sonntagsstraßen um 21 Uhr. Die Stimme zum Bild hat einen starken anhaltinischen Akzent. Nach dem mitleidsvollen "Thank you for travelling with Deutsche Bahn" erinnere ich mich, dass ich meinen originären Dialekt verloren habe. In welchem Mund ich ihn spuckte, weiß ich nicht mehr. Der Verlust kam dem Austausch des eigenen Bildes gleich. Im Visier immer der befreite Klang. Bevor ich am Ostbahnhof aussteige, dringt der Geruch von frisch gewaschener Wäsche aus meinem Rucksack zu mir durch. Da ich Berlin nicht hören kann, mache ich die Stadt zu einer Wiese im Frühling. (Anfang des Minusvisionen-Eintrags I lost my De:Bug in Moabit (1), März 2008)

Mein kulturelles Jahr 2008 endet damit, dass ich an einem Oktoberabend in der Galerie Zern in die US-Armee eintrete und mich durch die Anreise verschulde. Es werden – trotz Spartickets – wie nach allen Fahrten in dieser prekären Zeit, für die ich mich beim Arbeitsamt hätte abmelden müssen, also sehr dürre Wochen folgen, die lieblich-bitter nach Nudeln mit Zucker schmecken. Hin und wieder ein Päckchen mit Lebensmitteln in der Post samt einer Tafel Schokolade in wiederverschließbarer Verpackung darin, in der 20 Euro stecken.

Von jenem Army-Abend bleibt ein digitales Foto vor weiß-roter Flagge als Beleg und die Hoffnung, dass das alles nur ein Scherz war. Im heißen Juni 2007 bestand das Relikt Marke Berliner Semiotik noch aus drei iranischen Münzen, die mir Christian Kracht am letzten Abend der Wissenschaftsakademie in die Hand gedrückt hatte.

Identität wiegt schwer. Ich trinke auf meine schicksalhafte Tat und ihre Folgen in der Bar Babette, wo eine Veranstaltung des Verbrecher Verlags stattfindet. Doch ich bin ausnahmsweise nur wegen der Getränke dort. Ich lese wenig. Bücher sind teuer. Essen auch. (Ich erinnere mich für 2008 nur an Leihgaben aus der Stadtbibliothek oder von Freunden wie Lyrische Novelle von Annemarie Schwarzenbach, Ein Gast und Das Bad von Yoko Tawada, vielleicht noch etwas von Truman Capote, der 2007 prägte. Ich kaufte Softcore von Tridad Zolghadr sowie Lunar Park von Bret Easton Ellis als Mängelexemplar. Dann hört die Erinnerung auf.) Die Nacht ist kühl und trocken. Das Taxi billig. Im Gepäck habe ich das Ausstellungsplakat zu Join the U.S. Army, das mit Lippenstift signiert wurde und deren Herstellung Erik Niedling gesichert hatte.

Nach einer Übernachtung bei Schulfreunden in der Nähe des Frankfurter Tors empfiehlt mein überteuerter Moleskine-Taschenkalender (Softcover) für den 2. November einen Besuch in der Galerie MD72 und einen Gang in die Temporäre Kunsthalle. Ich folge der Notiz und besuche die Galerie, weil ich hoffe, The Wishing Machine betätigen zu dürfen. Ich hab's nötig. Im April saß ich bereits auf einem Brandenburger Schloss vor einer Dreamachine und folgte dort dem Flickern auf meinen Lidern. Keine Drogen. Keine Vision.

Zurück in der MD72: Ich darf. Ich schreibe den Wunsch auf einen Zettel und lege diesen in einen kleinen bräunlichen Kasten mit Antenne. Ich bediene einen Kippschalter. Klack. Ein Lämpchen leuchtet auf. Die Maschine läuft. Klack. Vorbei. Nichts. Berliner Herbst. Immer noch nicht reich. Auf knarzenden Parkett verlasse ich den Altbau, einem Paar im Partnerlook folgend.

In der blau-weißen Temporären Kunsthalle auf dem Schloßplatz wird die Ausstellung Inner + Outer Space von Candice Breitz gezeigt. Es ist voll. Touristen wie ich. Gefühle und somit eine Erinnerung bleiben beim Blick auf installierte Bildschirme aus, immerhin gibt es draußen noch wenige stählerne Reste des Palasts der Republik zu suchen.

Bei diesem wiederholten Gang durch Berlin trage ich den selben Secondhand-Wollmantel wie am 10. März, als im Hebbel am Ufer die Pyramiden-Gala stattgefunden hat. Jener zweite Höhepunkt des Projekts Die Große Pyramide – ein Grabstädte für die Menschheit als Infrastrukturmaßnahme – nach dem Pyramidenfest 2007 am damaligen potenziellen Entstehungsort Streetz/Natho. Wurde jener Tag eingeleitet durch die Spielmannszugversion von The Final Countdown, versprach das Programm in Berlin folgende Mischung: Rem Koolhaas, Momus, Jens Friebe und und und.... Aftershow mit Carsten Jost im WAU.

Alle waren da. Großes und Kleines Hallo. Zuprosten.

Ich kann mich kaum an etwas erinnern. Ein Gefühl von Hilflosigkeit. Ich trinke allein. Ich habe das schwarze Kleid wie später im April in Brandenburg getragen.

Durch Irmgard Keun geschult, bin ich erleichtert, dass mein Wollmantel nicht der Feh aus dem Roman Das kunstseidene Mädchen ist. Es ist noch Luft nach unten oder oben. Und ich bin weder in einem Wartesaal noch in Berlin oder Köln, aber irgendwo dazwischen und schreibe sinnlose Bewerbungen ("Bitte bewerben Sie sich nicht mehr", heißt es einmal).

Ich werde mich und meinen Mantel später nur auf einem kleinen, dunklen Foto erkennen, das in meinem Facebook-Newsfeed auftaucht. Im Moment der Aufnahme muss der Fotograf auf der gegenüberliegenden Straßenseite gestanden und seine Kamera auf das HAU gerichtet haben. Ich hätte das liken können.

(Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 erscheint monatlich auf Minusvisionen. Die Form bleibt unbestimmt.)

26 March 2017

Die letzten Raucher

Fragenbogen für einen fiktiven Protokollband

Beschreiben Sie den Moment, als Sie mit dem Rauchen angefangen haben.

Haben Sie das Rauchen von Beginn an offen ausgelebt oder geheim gehalten? Welche Faktoren haben zu letzterem geführt?

Haben Freunde und/oder Familienmitglieder bereits geraucht und, wenn ja, wie haben Sie das Rauchen wahrgenommen?

Welche Eigenschaft verbinden Sie mit dem Rauchen?

Wie viele Zigaretten rauchen Sie täglich?

Der Konsum von Alkohol kann das Rauchverlangen verstärken. Nennen Sie eine Situation, in der sie nach einer Zigarette ‚richtig’ betrunken waren.

Welche Art von Zigaretten bevorzugen Sie und warum (gedreht, gestopft, industriell hergestellt)? Was soll das über Sie aussagen?

Haben Sie sich in Ihrer Raucherkarriere schnell für eine Marke entschieden? Um welche handelt es sich? Welche Faktoren waren für die Wahl wichtig?

Wie transportieren Sie Ihre Zigaretten: Schachtel, Softpack oder Etui?

Beschreiben Sie Ihren Rauchstil: vom Herausholen/Drehen der Zigarette über das Legen der Zigarette an die Lippe/in den Mund, das Anzünden, die Art des Haltens bis hin zum Aschen und Ausdrücken.

Ist Ihr Stil beeinflusst durch Bilder oder Personen des öffentlichen Lebens? An wen denken Sie?

Können Sie eine Filmszene beschreiben, in der geraucht wird?

Mögen Sie Menschen mehr, die ihre Zigarette im gleichen Stil halten wie Sie?

Welchen Rauchstil lehnen Sie ab?

Wie ist Ihre Position zu Bio-Zigaretten und/oder E-Zigaretten, sog. Verdampfern?

Verfügen Sie über kultische Rauchutensilien (schöne Aschenbecher, edle Feuerzeuge, ein Smoking Jackett, Zigarettenspitze) und warum?

Ist rauchen für Sie männlich, weiblich oder androgyn?

Wann empfinden Sie rauchen als schön und wann kippt der Akt für Sie in Hässlichkeit um?

Ist diese Wertung abhängig vom Geschlecht, vom körperlichen Zustand und sozialen Status des Rauchenden?

Was denken Sie, wenn Sie ein Foto von Michel Houellebecq sehen?

Sind Sie süchtig? Wenn ja, in welchem Moment haben Sie sich diese Diagnose gestellt?

Wie ist Ihre Haltung zur Sucht?

Verbinden Sie mit dem Rauchen ein besseres Alleinsein oder die Fähigkeit des Schaffens von Geselligkeit basierend auf dem gleichmacherischen Akt des Rauchens?

Wo rauchen Sie am liebsten?

Wann waren Sie das letzte Mal froh Raucher zu sein?

Geben Sie von Ihren Zigaretten gerne welche ab?

Teilen Sie sich gerne mit einer Person eine Zigarette? Was muss diese Person auszeichnen? Ist diese Form des Teilens eine Form von Intimität?

Küssen Sie gerne?

Mögen Sie den Geruch des Rauchs? Oder machen Sie etwas dagegen?

Würden Sie sich als besonders reinlich beschreiben?

Haben Sie das Rauchen jemals bereut? Ist diese Reue nur auf Sie gerichtet oder wird das Gefühl auch durch andere ausgelöst?

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Kinder mit dem Rauchen anfangen würden?

Haben Sie bei einem Arztbesuch schon einmal über Ihr Rauchverhalten gelogen? Wenn ja, warum? Und glauben Sie, dass Ihr Arzt die Lüge erkannt hat?

Was geht Ihnen bei einer Blutabnahme durch den Kopf?

Haben Sie mit dem Rauchen aufgehört? Was hat dazu geführt?

Wie würden Sie die Rolle der Angst beim Wunsch mit dem Rauchen aufzuhören einschätzen?

Sind Sie/wären Sie froh über Abstinenz?

Halten Sie manchmal eine Zigarette, ohne sie anzuzünden?

Wenn Sie mit dem Rauchen aufgehört haben: Vermissen Sie es?

Sind Sie gesund?

16 March 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Die Tiefpunkte

(Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 erscheint
monatlich auf Minusvisionen.)

Ich bin von Januar bis Oktober 2008 arbeitslos. Ich erhalte Arbeitslosengeld II. Vom 1.1. bis zum 30.6. bekomme ich monatlich 664,64 Euro. Ab dem 1.7. bis Oktober sind es 668,64 Euro. Die darin enthaltene Höhe zur Sicherung des Lebensunterhalts beträgt zu diesem Zeitpunkt 347 Euro. Abzüglich der Kosten für Strom, Festnetz, Internet, Handy, Monatsfahrkarte sowie für zwei bis fünf Bewerbungen monatlich verbleiben mir durchschnittlich 160 bis 180 Euro zum Leben. Hin und wieder frage ich meine Mutter nach 20 oder 50 Euro sowie nach Lebensmitteln per Post, in Abständen verdiene ich mir 50 bis 100 Euro bar durch einen Nebenjob dazu.

Ich wohne allein. Ich spreche daher wenig, insbesondere nachdem die sogenannten Fortbildungen abgeschlossen sind. Wenn keine Anrufe erfolgen: bis zu einer Woche – gar nichts. Ich hätte damals auf Minusvisionen ein Protokoll führen können. Ingo hätte das sicherlich gefallen. Doch das kommt mir nicht in den Sinn. Die Blog-Einträge werden Ende 2007 bis 2008 immer öfter sehr kryptisch. Es gibt kein außen mehr.

Am 6. Juni 2008, an meinem 26. Geburtstag, bekomme ich die DVD zu Fassbinders Angst essen Seele auf geschenkt. Ich sage: "Toll". Und bedanke mich.

Der Bildungsgutschein

Ich bin in einem kleinen Raum innerhalb eines Gebäudes mit Klinkerfassade angekommen. Ich werde nun verwaltet. Noch darf ich den Haupteingang nehmen, später wird es ein Seiteneingang für ALGII-Empfänger sein. Damit ich nicht vergesse, wo ich stehe: am Rand.

Ich werde in diesem kleinen Raum keine Eingliederungsvereinbarung unterschrieben. Denn ich erhalte sofort einen Bildungsgutschein. Das Symbol für das großes Geschäft zwischen der Arbeitsagentur und der jeweiligen Bildungsträger. Das goldene Ticket. Denn für Staat und Bildungseinrichtung ist es eine Win-win-Situation: der Träger verdient, die Arbeitsagentur muss mich nicht als 'arbeitslos' führen.

Ich befinde mich also in einer Weiterbildung. Diese besteht zunächst aus einem dreimonatigen Kurs für "Business English", den ich täglich von 8 bis 15 Uhr besuchen muss. Nach dem ersten Monat werden die Inhalte wiederholt, weil stets neue Teilnehmer in den Kurs kommen. Jeder hört somit alles drei Mal. Jeder besitzt jegliche Arbeitsblätter in dreifacher Ausführung. Jeder hatte die Chance, drei Mal seinen Text aufzusagen. Es scheint fast ein ästhetizistischer Ansatz vorzuherrschen. Auf Business English folgt der vierwöchige Kurs "Excel, Internet, Power Point". Mir wird unter anderem die Google-Bildersuche erklärt.

Der Körper

Ich habe zu Beginn der Fortbildung zwei Wochen lang Magenschmerzen. Ein neues Gefühl. Kannte ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht. Auch wenn ich das Bedürfnis nach einer Krankschreibung habe, suche ich keinen Arzt auf.
Im Laufe des Jahres schlafe ich abends immer schlechter ein. Ich spüre mein Herz, deutlich, manchmal zu stark, so als hätte ich ständig zu viel Weißwein getrunken. Ich google. Ich verunsichere. Nach Monaten werden ein Langzeit-EKG und ein großes Blutbild gemacht. Nichts. Ich bin beruhigt. Ab 2009 werden die Symptome seltener.

Die Paranoia

Ich wohne in einem Erdgeschoss in einer Einzimmerwohnung zur Straße hin. Jeden Morgen stehe ich weiterhin um 7.30 Uhr auf. Ich gehe zum Fenster und ziehe meine Rollläden hoch. Nach diesem Vorgang gehe ich wieder ins Bett. Bleiben die Rollläden zu lange unten, bilde ich mir ein, dass jeder weiß, was los ist. Ich befinde ich mich dann in Die innere Sicherheit mit im Wagen der Flüchtenden, die an einer Kreuzung bei Rot halten müssen und jedes bremsende Auto um sie herum eine potenzielle Gefahr darstellt, hochgenommen zu werden. Doch die Autos fahren. Ich bleibe liegen. Die Position meiner Rollläden interessiert keinen.

Die Verzweiflung

Es ist Dienstag, Mitte Oktober 2008, die Lehman-Brothers-Pleite liegt einen Monat zurück. Ich stehe um 5 Uhr morgens an einem Gleis des Bochumer Hauptbahnhofs und warte auf einen Regionalexpress. Ich habe einen Job in Paderborn angenommen, für den ich um 4 Uhr aufstehe, um pünktlich zu sein. Grund: die einzige Zusage. Ich bin müde. Drei Tage in der Woche werde ich nun müde sein. Müdigkeit schmerzt. Nach einem halben Jahr stehe ich eine Stunde später auf. Die Müdigkeit wird bleiben.

Die Rückzahlung

Ende Oktober erhalte ich mein erstes Gehalt. Am 5. Januar 2009 erfahre ich, dass dieses an die staatlichen Leitungen angerechnet wurde, die ich Ende September für Oktober erhalten habe. Ich muss die Leistungen für Oktober fast vollständig zurückzahlen: 632,92 Euro. Ich spreche persönlich vor. Man verstehe die Problematik. Es wäre bedauerlich. Ich hätte mir meinen Lohn halt zum 1.11. überweisen lassen sollen.

Der Preis

Mitte 2008 reiche ich eine Kurzgeschichte zu einem Literaturwettbewerb in Bochum ein. Das Motto lautet: "Geld schreibt". Mein Text schafft es unter die letzten Zehn, die bei einer Lesung Ende 2008 von den Autor*innen vorgetragen werden sollen. Dort darf dann das Publikum abstimmen. Da Freunde anwesend sind, schaffe ich es auf den dritten Platz. Mein Text wird in einer Anthologie veröffentlicht.

Auf meiner Urkunde steht, dass ich 200 Euro Preisgeld bekomme. Leider muss ich mir den Preis mit jemandem teilen. Das erfahre ich erst später, als ich die 200 Euro durch die Leihgabe eines Freundes schon längst ausgegeben habe. Denn ich wollte damals nach Berlin. Ich wollte in der Galerie Zern der US-Armee beitreten*.

*Ingo Niermann, Join the U.S. Army, 31.10. – 14.11.2008, Galerie Zern, Berlin

21 February 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017

Möglicher Prolog

Ich bin 25 und am Ende. Das heißt: Ich fühle schon mal vor, als ich in Bochum an der Kreuzung Wittener Straße/Goystraße an der Ampel stehe und auf ein schwarzes Plakat starre. Es ist der Sommer 2007. Es ist heiß. Die Zweite Große Koalition hat Pause und die Losung scheint zu lauten: "Kapitulation". Grün auf Schwarz: "Kapitulation" – unter einer zu deutschen Sonne.

"Kapitulation": Jedes Mal, täglich, an dieser Kreuzung, gegenüber der Total-Tankstelle, in der ich mal gearbeitet habe, von der bald nur eine Brachfläche bleiben wird. "Kapitulation". Weiterhin. Wie lang eigentlich noch? Eine Woche? Zwei Wochen? Wer foltert mich?

Auch an S-Bahn-Haltestellen gibt es kein Entkommen. Unter dem Schild "Zu den Zügen" wirbt Congstar auf verschmutzten Fliesen für "Mobilfunk & DSL so einfach wie Fastfood". Daneben wird mir wieder zugeflüstert: "Kapitulation".

Ich drehe mich um und weg. Ich vermeide darauf unnötige Außengänge. Ich strecke in meiner abgedunkelten Wohnung alle Gliedmaßen symmetrisch von mir, und halte sie, wenn nötig, mit einem glatt gezogenen Laken getrennt, damit die Sommerhitze aus dem Körper gelassen werden kann, als ginge es darum, ein Fieber zu bekämpfen.

Das Plakat wird schon verschwinden. Das würde auch sonst zu teuer. Bestimmt. Radio und Fernseher bleiben aus. Das Modem wird nur zum Abrufen der E-Mails bedient. Etwas anderes schafft diese Verbindung zum Glück nicht mehr. Zeitschriften und Feuilletons gilt es zu ignorieren. Eine weitere mediale Konfrontation muss vermieden werden. Ich bin bereits beschäftigt. Denn ist es nun Meldung, Aufforderung, Mahnung, Hinweis, Rat, Provokation, Scherz, Ästhetik? "Für mich ist Kapitulation das schönste Wort der deutschen Sprache", sagt einer. "Kapitulation". Wem gilt es, wie ist es gemeint, verfügt es doch weder über Punkt noch Frage- oder Ausrufezeichen? Bin ich gemeint? Ein System? Eine Band? Der Hörer? Wer unterwirft sich wem? Und: bedingungslos?

Kapitulation von Tocotronic erscheint schließlich am 6. Juli 2007. Ich kaufe das Album nicht. Ich liege so rum. Ohne großes Geld. Ich leihe höchstens. Ich bestreite mein Leben aus einer Mischung aus Bafög, Halbwaisenrente und Kindergeld. Es kommen um die 800 Euro zusammen – fürs da sein. Da denkt man fast: toll. Ich befinde mich im letzten Semester meines Studiums und habe erstmals keinen Nebenjob mit der Hoffnung: Zeit. Wahrscheinlich mache ich aber doch etwas. Bedauerlicherweise gehe ich noch davon aus, dass das Aufbringen von irgendetwas in irgendetwas münden könnte. Schlüssige Begründungen kann dazu sicherlich Bourdieu liefern. Kurzum: Ich strenge mich also an. Verkrampfe.

Als ich vier Monate später Hartz IV beantragen muss, da die Einführung der Studiengebühren in NRW zum Wintersemester 2007/2008 den Gedanken an die unendliche Dehnung der Studienzeit zunichte macht und nichts in Sicht ist, als ich plötzlich in der Fortbildung "Excel, Internet, Power Point" sitze, die Betonung liegt auf Internet, während ich am Abend an einem Dissertations-Exposé werkle, das keiner für Geld will, als ich Monate später, zwei, drei, vier, fünf Jobs gleichzeitig habe, mindestens einer unbezahlt, mindestens einer, über den man nicht spricht, als ich Jahre später et cetera, et cetera, hätte es mir einfach wieder einfallen sollen: "Kapitulation".

Press 'play'.

14 February 2017

Das Bad

David Hockney hat das Duschen sexy gemacht. Das habe ich mal gelernt. Denn auf seinen Gemälden aus den Sechzigern ist das Duschen kein bloßer Akt der schnöden Körperreinigung mehr, der in einer kalten Waschkaue erfolgt, sondern ein Wohlfühlakt, etwas, das wie das Baden mit Genuss verbunden ist. Doch neben der verstärkt anhaltenden Huldigung der Körperarbeit im Zeichen der ewigen Schönheit und Jugend schwanken die zeitgenössischen Duscher mittlerweile täglich zwischen phallischer, mega potenter Energieversprechung am Morgen und radikalem Entspannungszauber am Abend – und das alles mittels eines Duschgels. Zweckfreier Hockney'scher Wohlfühlspaß? Genuss? Lust? Ach, keine Zeit.

Doch jedes absolut lebensverändernde Marketingversprechen ist chancenlos, wenn ein verfrühtes Aufstehen, drei Kaffee und eine ausgelesene Zeitung benötigt werden, um den Gang ins Bad geistig vorzubereiten, das vor fünfzig, sechzig (?) Jahren eine großzügig gestaltete Vorratskammer gewesen zu sein scheint, in die dann, damals, als die Trendfliesenfarbe braun war, ein Bad auf zwei Quadratmetern hineingewürfelt wurde (mit Wanne) und im Winter die 30 mal 60 Zentimeter große Heizung nicht gegen zwei Außenwände aus Klinkerstein ankommt. Für Aufmunterung sorgt in diesen schweren Zeiten lediglich der Duschvorhang, auf dem mir kleine Monster täglich entgegenwinken. Der Badaufenthalt wird mit effizienten Handlungen so kurz wie möglich gehalten, auch wenn an besonders kalten Tagen der Durchlauferhitzer beim Duschen dekadent auf Stufe zwei gestellt wird und kurzzeitig eine Minisauna entsteht.

Ich billige die Umstände mit dem Gedanken an die günstige Miete, und dass das Verfügen über ein warmes, zeitgenössisch gestaltetes Bad nun wirklich etwas für Spießer ist. Zudem gibt es fließend Wasser, alles funktioniert und das Bad könnte hervorragend als Panic Room fungieren, als eine noch unbekannte Installation des Künstlers Gregor Schneider angepriesen werden, und nicht zuletzt wird die angenehme Kühle im Sommer geschätzt. Jedoch komme auch ich an die Grenzen meiner Überzeugungskunst. Meistens dann, wenn das soziale Leben es verlangt, Freunde zu besuchen. Bei denen ist immer alles besser – auch das Bad. Also lasse ich mich von der Wirkung geschmackvoller Fliesen einlullen, klimpere mit den Fingern verliebt über den Handtuchheizkörper und erschrecke manchmal auch über meine warmen Füße. Ist das eine Fußbodenheizung? Benommen setze ich mich auf den Badewannenrand und verhindere somit das Unmögliche: das Herumwälzen auf dem warmen Boden. Das könnte nur zu Fragen führen.

In solchen Fällen gilt es: standhaft bleiben, das fremde Bad mit erhobenen Hauptes verlassen, die Tür leise schließen und sich nicht umdrehen. Das gut ausgeleuchtete Spiegelbild muss sofort vergessen werden. Keine Tränen. (Bis zum nächsten Mal. Kisses.) Daraufhin schnell das Gespräch mit den anderen Gästen suchen: über Kultur, Politik, das nächste Projekt, den Job; fragen, was die Kinder so machen. Denn: bloß keine Gewöhnung. Bloß keine Träume. Ich bin stark und Winter nur eine Jahreszeit, die vorrübergeht. Nicht wahr? Denn auf gar keinen Fall darf das eigene Bad saniert werden. Dieser Wunsch muss verhindert werden. Denn das Erfüllen würde bedeuten, dass der Vermieter nach Jahren der Ignoranz – die Rauchmelder wurden gerade noch just in time angeklebt, das Licht im Flur nach einem halben Jahr repariert – mit seinem Maserati vorfährt, die Gürtelschnalle nach dem Ausstieg noch schnell zurechtrückt und sich beim Anblick von zwei im Entstehen begriffenen Neubauten mit Eigentumswohnungen im Umfeld seiner Immobilie fragen wird, ob er ebenfalls in den Trend mit einsteigen soll.

14 January 2017

Die Matratze

Angelika Taschen hatte im Gespräch mit Dagmar von Taube recht: "Man schläft heute besser vor einer nackten Wand", rät die Verlegerin, bevor sie beiläufig zur scharfen Kulturdiagnose ansetzt: "Schlaf ist das neue Gold!". Denn Schlafort und der Schlaf selbst sind die neue Insel der Rettung, das Luxusressort des Alltags. Neben dem Kassenschlager "Boxspringbett" sind vor allem Matratzen begehrte Insignien.

Der Höhenflug des ominösen Boxspringbettes scheint jedoch vorbei, denn mit einem Preis ab 250 Euro strudelt der Sog der Verramschung. Das Kokettieren mit dem Erwerb eines solchen ist, wenn, dann nur noch aus weiter Ferne im epischen Präteritum zu hören. Die Tür zum Schlafzimmer bleibt wieder geschlossen.

Die Schlafqualitiät kann somit nur noch mit dem Erwerb einer Matratze gesteigert werden, die inklusive Namen und exklusivem Narrativ dargeboten werden.

Also: noch besser schlafen, nur noch schlafen, wenn wach, dann nur noch lümmeln, der Zeit zuhören, sich selbst beim Altern zuschauen, nur noch Staub ansetzen, zentimeterdick, hin und wieder sich und die Matratze wenden, bloß, auf gar keinen Fall, sprich: nie wieder, sitzen (eh zu gefährlich)? Kein draußen. Die Augen verkleben lassen.

Oder doch bloß wieder: effizienter schlafen? Schlaf mit der Vorstellung eines besseren Aufwachens, des besseren Aufstehens? Oder aber: schlafen an sich? Luxussanierung zur Förderung von Seltenheit? Denn sie flüstern: "Wie schaffst du es, dir noch Schlaf zu gönnen?", "Es schläft doch schon seit Jahren nichts mehr", "Wann hast du zuletzt dein Handy ausgeschaltet?". Die kleine, rote Stand-by-Lampe an der Anlage sorgt nur noch in der Erinnerung für innerliche Aufregung, bis entnervt der Kippschalter in Gedanken betätigt wird (schwaches, entsättigtes Bild).

Beim Nachdenken über die Rolle des Schlafens zwischen menschlicher Notwendigkeit und letzter Festung gegen eine neoliberale Wirtschaftsethik – wer schläft, arbeitet nicht – steht sie vor dem VW-Sprinter: "Einfach oben auf die Möbel legen". Sagt er andernorts: "Erst mal auf den Boden werfen". Ausrufe des oszillierenden Individuums. Denn im Gegensatz zum Boxspringbett, das durch seine Klotzigkeit und der damit verbundenen albtraumhaften Vorstellung des Ab- und erneuten Zusammenbauens, Sesshaftigkeit kommuniziert, erleichtert die Matratze den steten Ortswechsel. Im Idealfall: gerollt.

"Der Rest kommt nach."

6 October 2013

Mit ohne

Das sind die neuen Partymomente. Beim Halten des ersten Biers erzählt einer, dass er einen veganen Monat einlegen und sein Essverhalten ändern will. Beim zweiten Bier – ich zähle mit – bin ich mitten in der Diskussion über das beste Sport-App, während ich mir das dritte Bier hole, höre ich wie Laufzeiten abgeglichen werden und Männer die Diät entdecken.

26 June 2013

Tasse von Gewicht

Beim Minusvisionen-Umzug verloren gegangen, jetzt wiedergefunden:

Rumänien, Ukraine, die Türkei und China sind Staaten mit unterschiedlichen geographischen und politischen Angaben. Grenzüberschreitend verbindet sie die Herstellung eines Typs Tasse, ein massenhaft angefertigtes Produkt, das sich meistens durch folgendes auszeichnet: Standard.

23 June 2013

Das weggeputzte Grün

Die Erinnerung ist ein Bild. Sie verblasst langsam, meistens unmerklich, aber kontinuierlich, indem Details zwischen den kräftigen Rändern im geschaffenen Bild verloren gehen, die Farben sich verändern und die Schärfe des verlorenen Inhalts einem diffusen Gefühl weicht, das man beim Halten oder Erinnern verspürt.

Doch wenn bei dem einen Produkt ein Blick auf das Thermostat und die Restauration helfen kann, verbleiben im Kopf irgendwann nur Sequenzen, Momente, Augenblicke, die einem Traum gleichen, da man sich weder an den Anfang noch an das Ende erinnern kann.

5 June 2013

Hochgeschwindigkeitstrasse

Der Blick auf die Welt ist die Sicht aus dem Fenster. Sei es auf Magrittes Staffelei im Zimmer, auf der eine Landschaft zu sehen ist, die eine Doppelung des Weltausschnittes vor dem Fenster zu sein scheint.

Oder sei es die - durch ein grau-transparentes Rollo - versperrte Sicht auf die mit 269 km/h vorbeiziehende Landschaft neben einer Hochgeschwindigkeitstrasse.

Stundenlang flirrt die Umwelt wie ein Op-Art-Bild aus sich abwechselnden weißen und farbigen Linien um mich herum. So - als würde das Licht vibrieren. So - als würden zweihundert Bildschirme gleichzeitig flimmern. Dem Betrachter wird plötzlich übel - ganz schummrig, denn die Information zahlreicher Einzelbilder dringt zu zahlreich und zu schnell in seinen Kopf vor – überfordert ihn.

Er hat den Wunsch, das Andere aus der übergeordneten Perspektive im Ganzen zu überschauen, sei es sitzend im hölzernen Panoramahaus, stehend im Heißluftballon oder online durch Google Street View klickend. Doch es ist keine Überschau aus souveräner Position mehr, kein genussvolles Beherrschen des Gegenstandes, der dem Auge unterworfen ist, wir sehen keine Schlachtszenen mehr oder idyllische sowie erhabene Fernlandschaften in der Blicktotale von 360 Grad, sondern nur uns selbst auf Monitoren, hundertmal gebrochen und verkleinert bis wir uns in der Mitte des Bildschirmes im Unendlichen verlieren.

26 March 2013

Über Null

1100. Das könnte der Versuch sein, den Notruf zu wählen, wobei man sich beim Tippen der ersten Null plötzlich zum bewussten Verwählen entscheidet und den Hörer auflegt, da der Softballschläger in Erinnerung gerufen wurd. 1100 ist hier ebenfalls kein Binärcodesabschnitt, sondern die Forderung von Hannah Horvath in der Serie "Girls", die sie in der ersten Folge an ihre Eltern stellt. 1100 sind 1.100 Dollar. Der geforderte Betrag, monatlich ausgezahlt, soll, so ihr Wunsch, sie die nächsten zwei Jahre über die Runden bringen. 1.100 Dollar sind das viel zu geringe Maße der Dinge, dessen frotzelige Bescheidenheit dennoch einen entscheidenden Wert birgt: Freiraum für die Arbeit am eigenen Buch und am Ich, was so viel bedeutet wie unangepasst bleiben und nach Bushwick fahren, so lange es noch geht, sagt man sich. Es ist die Abkehr von der Lohnarbeit und somit von der Portier-, Post-, Patentamt-, und Prokuristen-, oder etwas moderner, Coffeeshop-Agentur-Romantik, die auch nur in die Idiotie des Feierabends führt. Die Bitte wird abgeschmettert.