29 October 2020

Larmes

Sekunden musste Lydia ausharren, bis das Kameraobjektiv über ihr genügend Licht gebündelt hatte. „Sekunden“, versicherte ihr Manny, auch wenn es nicht das erste Mal war, dass sie in seinem Atelier auf der Rue Campagne-Première in Paris auf dem Boden saß und wartete. Ihr Kopf lag leicht gewinkelt im Nacken, die Augen waren weit aufgeschlagen und starrten rechts nach oben. Ihr Make-up bestand aus stark getuschten Wimpern und mehreren künstlichen Tränen, die auf ihrer Wange platziert wurden. Sekunden waren es, bis das Licht endlich eine Reaktion der kleinen Silbersalze auf dem Schwarz-Weiß-Film hervorgerufen hatte.

Abseits der Studios ist die Träne selten ein ästhetisches Schmuckwerkzeug. Clowns dürfen weinen. Helden im richtigen Moment. Der Mensch lächelt lieber, erscheint gerne fröhlich, wenigstens optimistisch, mit strahlenden Augen, kleinen nach oben gezogenen Fältchen und geöffneten Mündern, die weiß leuchtende Zähne offenlegen. Wenn jemand weint, dann sind es immer die anderen, die falschen: die junge Frau vor uns in der S-Bahn, das Kind im Babywagen neben uns, der unbekannte Junge in den Nachrichten, die Gläubigen zu Füßen eines Heiligen, die Klagenden am Grab. Wir wenden uns ab, schalten um, blicken demütig zu Boden, reichen ein Taschentuch. Hin und wieder löst Mitgefühl oder Schock beim Betrachter einen Tränenfluss aus, der schnell stoppt und übergeht in Erleichterung darüber, die Qual nicht selbst erlebt zu haben. Weinen wir aus Freude, ist es nur ein Ausdruck des Bedauerns um die Vergänglichkeit des Moments, wird gesagt. Nur im Kino ist Weinen stets ein Maßstab für erfolgreiche Unterhaltung. "Also gut, ich schlage vor, ich liefere Ihnen zwei große Tränen vom linken Auge gefolgt von drei kleinen aus dem rechten", soll Schauspieler und Star des alten Hollywood, John Barrymore, zu einem Regisseur gesagt haben. Barrymore, bekannt durch seine Hamlet-Darstellungen in den 1920er Jahren und durch die Fähigkeit, auf Knopfdruck zu weinen.

Sonst lauten die Formeln der Anpassung: Lach doch mal! Schau nicht so grimmig! Doch sie nützen oft nichts. Ich gehöre zu den anderen, stellen Sie leider viel zu oft fest. Das Gesicht ist plötzlich warm und angeschwollen, die Stimme zittrig, die verzerrten Worte können die aufgeregt schlingernden Lippen schwerlich passieren. Die Augen verkrusten und fühlen sich erschöpft an. Die Zunge fährt über Ober- und Unterlippe, um die salzig-süße Flüssigkeit aufzufangen und in den Körper zurückzubefördern. An einem Dienstag im Frühling. Um 9 Uhr.

In jenem Moment der Aufnahme, Anfang der 1930er Jahre auf der Rue Campagne-Première in Paris, ist zunächst ein verborgenes Bild entstanden. Als Lydia von Manny erlöst wurde und die künstlichen Tränen von ihrem Gesicht entfernte, das Gebäude diesmal ohne einen Schluck Wein verlassend, nur mit der Zigarette im Mundwinkel, da sie an dem Abend noch im Varieté tanzen musste, war ihr Gesicht auf dem Film zwar vorhanden, aber unsichtbar. Erst als sich der Fotograf in die Dunkelkammer zurückgezogen hatte und den belichteten Film mit chemischen Flüssigkeiten behandelte, kam es auf dem Negativ zum Vorschein. Bei der Vergrößerung spielte er mit dem Ausschnitt und sparte für den Auftrag den Mund und den Haaransatz aus. So wirkte es wie ein dramatischer Moment im Film, der die wahre Reaktion der Frau verschleiert.

"Madame, weinen Sie im Kino, weinen Sie im Theater, lachen Sie bis die Tränen kommen, ohne Angst um Ihre schönen Augen…" lautet der Werbespruch für die Wimperntusche Cosmecil Arlette Bernard, unter dem Lydias Augen glänzten.

Larmes von Man Ray gehört zu den populärsten fotografischen Arbeiten des Künstlers. Die Aufnahme ist zwischen 1930 und 1932 in seinem Pariser Studio entstanden, angeblich kurz nach der Trennung von seiner Muse Lee Miller, Fotografin und Model, die sich ein Jahrzehnt später als Berichterstatterin für die amerikanische Vogue in Schützengräben und Hitlers Badewanne setzen sollte. Es sind die dekorativsten Tränen der Moderne. Sie sind weder reel noch wesentlich, kalt statt heiß, ohne Gefühl, bloß hervorgebracht durch eine perfekte Schminktechnik. Ästhetisch, aber leblos. Das Motiv ist beliebt als Postkarte oder Kunstdruck, wahlweise mit dem Gesicht bis zur Nase, oder in einer abgeschnitten Version mit nur einem Auge erhältlich. Ab 1,10 Euro. Die Vorschaubilder in einem Online-Shop zeigen: Die Fotografie passt gut zum kleinen Bücherstapel rechts und zur Vase links auf einem Regal. Seltener sind Aufnahmen, die Lydias ganzes Gesicht zeigen. Je nach Version sind zwei, fünf oder acht Tränen im Bildausschnitt. Und ebenso wie man über die chemische Zusammensetzung emotionaler Tränen spekuliert, besteht hier die Frage, ob es Plastik-, Glasperlen oder doch Strassteine sind, die für das Foto benutzt wurden. Hat Man Ray gar mit einer Pipette über Lydias Gesicht gelehnt und kleine Perlen aus Glyzerin auf ihren Wangen positioniert? Ein Abzug mit Augen, Nase und fünf Tränen befindet sich im Bestand des Getty-Museums in Los Angeles. "Not currently on view", heißt es.

22 April 2020

Eitelkeit ist eine Strategie

Skype, WhatsApp, Zoom – oder doch einen anderen Anbieter wählen? Sofern das Gesicht als das oberflächliche Identitäts-Billboard mal ohne Mund- und Nasenschutz gefordert wird, scheint das in Pandemiezeiten mit Kontaktverbot die Frage der Stunde zu sein, die neben dem steten Grübeln über den Datenschutz – flankiert durch die paranoide Frage, ob die Videoüberwachung nun von außen nach innen gewandert sei – zu Überlegungen wie diesen führt: Ziehe ich mich an? Was ziehe ich an? Business, Smart Casual, zum Spaß Black Tie oder Abendrobe? Muss ich mich für die nächste Schalte schminken – gar die Haare machen? Und vor allem: Wo stelle ich den Computer auf? Auf den Schreibtisch – mit oder ohne überlegt vollgestopftes Regal im Hintergrund? Küche? Balkon? Wohnzimmer? Was, wenn der Wohnraum lediglich aus einem Zimmer besteht? Ist dieses schrecklich unaufgeräumt, zeichne ich dann lieber den Hintergrund weich oder wähle ich aus einer Vorlage?

Während mehrmals am Tag mit tiefen Skepsisfalten auf der Stirn die Aufkleber von den Kameras geknibbelt werden, die eigenen Zeichen genauestens verwaltet und die empfangenen wie eh und je dekonstruiert werden, und einige Köpfe den finalen Siegeszug der Videotelefonie zu beobachten scheinen, weiß die Literatur wie immer mehr. So beschreibt David Foster Wallace in Unendlicher Spaß auf mehreren Seiten durch Eitelkeit beförderten "Videophoniestress", der für einen Boom von Videophonmasken und digitalen Tableaus sorgt, die schließlich zum Niedergang der Technik führen. In seiner Fiktion wird nicht gefragt "Was geschieht mit meinem Bild", sondern "Wie komme ich an?". Eitelkeit fördert eine Identitätstravestie, Gesicht- und Körper-Variationen werden nach Belieben an- und abgelegt, wie es einige Filterfunktionen außerhalb der Literaturen längst können.

"Im vorliegenden Fall führte die Evolution der Stress- und Eitelkeitskompensationen dazu, dass Videophonnutzer zunächst ihre eigenen Gesichter ablehnten, dann sogar ihre bis zur Unkenntlichkeit maskierten und digital bearbeiteten Ebenbilder und schließlich die Videokameras in toto abdeckten und den TPs ihrer Gesprächspartner nur noch attraktiv gestylte statische Tableaus übermittelten. Hinter diesen Objektschutzdioramen und gesendeten Tableaus waren die Teilnehmer plötzlich wieder stressfrei unsichtbar, hinter den Star-Dioramen konnte man wieder eitelkeitsfrei ungeschminkt, toupetlos und tränensackverschandelt sein, man hatte – da wieder unsichtbar – die Freiheit zum Kritzeln, Pickelprüfen, Maniküren und Faltenchecken zurückgewonnen […]."

Unsichtbar, da steht es, ein – wie "systemrelevant" oder wenigstens "normal" – lange nicht mehr ausgesprochener, unerreichter Zustand, der durch Mund- und Nasenschutz, denn plötzlich wird dieser fester gezurrt und das Ablegen verweigert, die Gedanken kitzelt, wenn schon Smartphone und Computer nicht mehr abgeschaltet werden können.