21 February 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017

Möglicher Prolog

Ich bin 25 und am Ende. Das heißt: Ich fühle schon mal vor, als ich in Bochum an der Kreuzung Wittener Straße/Goystraße an der Ampel stehe und auf ein schwarzes Plakat starre. Es ist der Sommer 2007. Es ist heiß. Die Zweite Große Koalition hat Pause und die Losung scheint zu lauten: "Kapitulation". Grün auf Schwarz: "Kapitulation" – unter einer zu deutschen Sonne.

"Kapitulation": Jedes Mal, täglich, an dieser Kreuzung, gegenüber der Total-Tankstelle, in der ich mal gearbeitet habe, von der bald nur eine Brachfläche bleiben wird. "Kapitulation". Weiterhin. Wie lang eigentlich noch? Eine Woche? Zwei Wochen? Wer foltert mich?

Auch an S-Bahn-Haltestellen gibt es kein Entkommen. Unter dem Schild "Zu den Zügen" wirbt Congstar auf verschmutzten Fliesen für "Mobilfunk & DSL so einfach wie Fastfood". Daneben wird mir wieder zugeflüstert: "Kapitulation".

Ich drehe mich um und weg. Ich vermeide darauf unnötige Außengänge. Ich strecke in meiner abgedunkelten Wohnung alle Gliedmaßen symmetrisch von mir, und halte sie, wenn nötig, mit einem glatt gezogenen Laken getrennt, damit die Sommerhitze aus dem Körper gelassen werden kann, als ginge es darum, ein Fieber zu bekämpfen.

Das Plakat wird schon verschwinden. Das würde auch sonst zu teuer. Bestimmt. Radio und Fernseher bleiben aus. Das Modem wird nur zum Abrufen der E-Mails bedient. Etwas anderes schafft diese Verbindung zum Glück nicht mehr. Zeitschriften und Feuilletons gilt es zu ignorieren. Eine weitere mediale Konfrontation muss vermieden werden. Ich bin bereits beschäftigt. Denn ist es nun Meldung, Aufforderung, Mahnung, Hinweis, Rat, Provokation, Scherz, Ästhetik? "Für mich ist Kapitulation das schönste Wort der deutschen Sprache", sagt einer. "Kapitulation". Wem gilt es, wie ist es gemeint, verfügt es doch weder über Punkt noch Frage- oder Ausrufezeichen? Bin ich gemeint? Ein System? Eine Band? Der Hörer? Wer unterwirft sich wem? Und: bedingungslos?

Kapitulation von Tocotronic erscheint schließlich am 6. Juli 2007. Ich kaufe das Album nicht. Ich liege so rum. Ohne großes Geld. Ich leihe höchstens. Ich bestreite mein Leben aus einer Mischung aus Bafög, Halbwaisenrente und Kindergeld. Es kommen um die 800 Euro zusammen – fürs da sein. Da denkt man fast: toll. Ich befinde mich im letzten Semester meines Studiums und habe erstmals keinen Nebenjob mit der Hoffnung: Zeit. Wahrscheinlich mache ich aber doch etwas. Bedauerlicherweise gehe ich noch davon aus, dass das Aufbringen von irgendetwas in irgendetwas münden könnte. Schlüssige Begründungen kann dazu sicherlich Bourdieu liefern. Kurzum: Ich strenge mich also an. Verkrampfe.

Als ich vier Monate später Hartz IV beantragen muss, da die Einführung der Studiengebühren in NRW zum Wintersemester 2007/2008 den Gedanken an die unendliche Dehnung der Studienzeit zunichte macht und nichts in Sicht ist, als ich plötzlich in der Fortbildung "Excel, Internet, Power Point" sitze, die Betonung liegt auf Internet, während ich am Abend an einem Dissertations-Exposé werkle, das keiner für Geld will, als ich Monate später, zwei, drei, vier, fünf Jobs gleichzeitig habe, mindestens einer unbezahlt, mindestens einer, über den man nicht spricht, als ich Jahre später et cetera, et cetera, hätte es mir einfach wieder einfallen sollen: "Kapitulation".

Press 'play'.

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