28 May 2018

Im März war das Wetter schlechter

Sie haben geredet. Daniel Kehlmann und Salman Rushdie. Davon zeugt ein Interview. Sie haben geredet. Über ihre Arbeit als Schriftsteller, die gegenseitige Anerkennung und Freundschaft, sowie über ihr Leben in New York. Ich spüre ein Ziehen in der rechten Brust und ein Schmerz auf Hüfthöhe. Zwei Telefonate. Die Sonne ist ein Witz. Auf dem Cover des SZ-Magazins sind beide Autoren wie Vater und Sohn abgebildet. "Schreiben ist das Härteste, was ich je unternommen habe", steht da noch.

Ich sitze an meinem Sweat Desk und habe zwanzig Euro mit einer Rezension verdient. Mein monatlicher Mietanteil beträgt 300 Euro. Jenseits von New York höre ich meinen Nachbarn husten. Ich friere in meinem Bad. Doch der Wasserdruck ist gut.

"In größeren Städten wie Manhattan kann man nicht mehr auf interessante Weise arm sein", schreibt Chris Kraus in ihrem Roman Torpor und meint die Neunzigerjahre. Kehlmann redet von New York in den Siebzigerjahren und meint Berlin. Die Gegenwart. Die Geschichten zu beliebten Fotos, auf denen heruntergekommene Altbauwohnungen und Räume in Brown Stones zu sehen sind, wirken nur aus weiter Ferne oder auf Buchumschlägen schön. Sonst war man einfach sehr arm. Eh vorbei. Großstadt.

Containerpark jetzt.

Ich erhalte eine Nachricht aus Köln. "Warte seit hundert Jahren auf mein Geld aus München. In dieser Notsituation habe ich deinen Rewe-Gutschein gefunden. Mega Rettung. Danke. Großartig." Deutschlands Künstler. Ich antworte: "Leider weiß ich nicht mehr, wie viel Geld drauf ist. Mindestens zehn". Es waren 15 Euro. Woher kommen die Schmerzen?

Das Interview verliert mich weiter und ich bereite meinen Stimmzettel für die Oscar-Verleihung vor. Greta Gerwig erhält von mir den Preis für das beste Originaldrehbuch. Einfach so. Dabei denke ich an einen Dialog aus Frances Ha, in dem sie vor ein paar Jahren die Hauptrolle gespielt hat: "So what do you do?", wird Frances, die als Tänzerin scheitert und ihre Wohnung in New York verloren hat, von einem gewissen Andy gefragt. "Eh... It's kinda hard to explain", entgegnet sie. "Because what you do is so complicated?", insistiert Andy weiter. Darauf Frances: "Eh… Because I don't really do it".

Ich bin gar keine Autorin.

Ende der Sechzigerjahre schreibt Joan Didion: "Ich erinnere mich an eine Zeit, in der die Hunde Nacht für Nacht bellten und immer Vollmond war". Sie erinnert sich an ein "großes Zittern", an eine "strudelartige Spannung", die sich in Los Angeles ausgebreitet hatte wie eine bedrohliche Dämmerung, die das Ende des letzten Tages ankündigt. Es ist die Zeit kurz vor den Morden im Haus der Schauspielerin Sharon Tate durch Mitglieder der Manson Family. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", kommentiert sie die anschließenden Reaktionen auf die Tat vom 9. August 1969. Der Abgrund als Gewohnheit bei Katastrophenwetter. "Erdbebenwetter", laut Raymond Chandler. "Ich erinnere mich daran, daß niemand überrascht war", denke ich die ganze Zeit, auch als Kehlmann und Rushdie nach der Metoo-Debatte in der Literaturszene gefragt werden.

Greta Gerwig bekommt keinen Oscar. Die Kleider auf dem Red Carpet sind bunt.

In der Woche darauf verdiene ich 210 Euro. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche und verhungere nicht.

"Ich arbeite an etwas", kann ich nur noch bis 40 sagen, ohne die Erwartung einer monatlichen Ausschüttungen oder ein baldiges Erbe. In der Zukunft haben ich ein Problem, wie ich es in vielen Artikeln auf Spiegel Online gelesen habe. Ich sehe mich also als Frau, als Cat Lady, als Bag Lady. "Bag lady you can hurt your back", sang Erykah Badu.

Ich arbeite an etwas und unterdrücke ein Gefühl, als ein 18 Monate altes Kind für einen kurzen Augenblick mit der Wange eine Haarsträhne der Mutter berührt. Eine fast unbemerkte Geste der Zuneigung und Absicherung – liebevoll, heilend, unkritisch.

Es gab eine Zeit des Glaubens, als Tag für Tag eine Katze vor meinem Fenster hockte und um meine Aufmerksamkeit buhlte, während ich einen Film schaute, dem Pfad dieser Jungen folgte, Stand by me und ein Liter Eiscreme (Vanille, gut & günstig) und ebenso wie sie hoffte, den Umständen zu entkommen, während gleichzeitig der Wunsch nach einem Erzähler wuchs und wuchs, der sich erinnert und berichtet.
"I never gonna get out of this town am I, Gordy?."
"You can do anything you want, man."
"Yeah, sure."

16 February 2018

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017 Closeup II

1000 Euro brutto, denkt sie, die Verkäuferin in Vollzeit, dort, an einer Bushaltestelle sitzend, durch die Neonbeleuchtung von der winterlichen Dunkelheit abgehoben, in den Fokus gerückt; dort, an einer von vielen Karl-Marx-Straßen.

1000 Euro brutto. Das war und ist für diese – jede – Region unterdurchschnittlich. Bis zu 2000 Euro brutto wären in dieser Stadt, um diese Karl-Marx-Straße gespannt, möglich: dank über 40 Jahren Berufserfahrung mit Leitungsposition, auch wenn in den Dokumenten zulange ‚mithelfende Ehefrau‘ stand. Das ahnt sie. Sorge und Angst überwiegen. (Dank der großen Witwenrente, so kann der Leser sich beruhigen, sind es wieder – immerhin – 1000 Euro netto und davon, die Erfahrung bezeugt es, kann sie neben Miete, Nebenkosten und Haushaltsgeld sogar das Auto abbezahlen, das ihr nach dem Tod des Mannes geblieben ist.) 1000 Euro netto.

Eine Frau an einer Bushaltestelle ruft mir etwas zu und reißt mich aus meinen eigenen Gedanken, in denen ich beim Blick auf die Straße – durch Frost und Nieselregen in ein Kleid aus Perlmutt, oder besser: in ein glitzerndes Universum verwandelt; die Unendlichkeit zu Füßen – verloren war. „I’m a connoisseur of roads“, fällt mir ein. „I’ve been tasting roads my whole life. This road will never end. It probably goes all around the world.“ Ich weine beinahe.

Ich möge ihren Hund kurz ausführen. Nur ein paar Meter mehr für den Hund. Sie schaffe dies nicht mehr. Sie sei müde. Ihr Hände seien geschwollen. Und erst die Füße. Immer sind es die Füße, die schmerzen.

Der Hund, ein Havaneser, und ich blicken uns fragend an. Zögernd ergreife ich die Leine und gehe langsam los.