16 May 2013

Andere Zeiten,
andere Räume

Arbeiten geht überall. Das ist für immer mehr Menschen ein Untergang, da Anfang und Ende ununterscheidbar werden. Für andere ist es eine Verheißung, da der White-Collar-Rhythmus für sie nutzlos ist und sie es schaffen, aus dem immer und überall, den richtigen Ort und die entscheidende Zeit herauszufiltern – weil sie es je nach Beschäftigungsform dürfen, können und müssen.

Man kann: An einem Tag wandert man in ein Büro, am nächsten sind es zwischen Privat- und Arbeitswelt nur 15 leise Schritte, Dienstag kommt der entscheidende Einfall beim Trinken der ersten Tasse Kaffee und vor der Dusche, am Tag darauf wählt man eine etwas zu laute Bibliothek. Andere wiederum bekommen den entscheidenden Gedanken in der Kinderecke bei Starbucks, und viele kaufen sich auch mal einen Arbeitsplatz für ein paar Euro am Tag.

Kopf und Desktop erhalten ihre wahre Bestimmung. Man ist frei im blauen Schimmer, während der Sound beim Eingang einer E-Mail den ewig schnatternden Kollegen ersetzt und durch Skype mehr Menschen erreicht werden können, als an den Konferenztisch im Sitzungssaal des TD Bank Towers auf der 54. Etage jemals passen würden.

Doch jene Kunst des (beispielsweise) freiberuflichen Selbstmanagements, das wöchentlich oder täglich ausgelotet wird, erhält durch das ewige Lob der Festanstellung und der in vielen Arbeitsbereichen obsoleten Vorstellung des einen immer währenden Arbeitgebers seine Grenzen.

Wenn auf die Frage "Und wo arbeitest du?" die Antwort "Zu Hause!", oder etwas fachmännischer "Im Homeoffice!" folgt, eröffnen sich dem Fragenden immer noch folgende Assoziationsmöglichkeiten, die je nach Prägung und vorherrschender Klischees unterschiedlich stark sind (Zuvor konnte eine erschöpfende Diskussion über die Relevanz von Literatur und dem Schreiben mit einem Hustenanfall abgewendet werden): Das Gegenüber hat gar keinen Job; es arbeitet nicht; mag eventuell eine sogenannte Tätigkeit haben, ist aber grundsätzlich zu faul für etwas 'Richtiges'; kann seine Tätigkeit nicht als Beruf bezeichnen (Das wird sich tatsächlich gleich beweisen.), da das Geld sonst für ein eigenes Büro reichen würde; ist grundsätzlich unsympathisch, wenn während der Anschaffung des grundlegenden Arbeitsmittels auf eine sechsmonatige Ratenzahlung zurückgegriffen wird, es somit in einem Büro landet und nach der Nennung des 'Berufs' die Reaktion folgt: "Entschuldigung, aber ich habe in meinem Formular gar kein Feld für Sie."

Es existiert noch nicht, weil die physische Abwesenheit des Freelancers oder Telearbeiters bei der täglichen Runde am Wasserspender noch als Ausnahme wahrgenommen wird. Dabei war doch schon bei der One-size-fits-all-Jeans klar: sie steht nicht jedem.

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