10 June 2013

Vietnam, dance!

von Vincent Schmidt, Hanoi 2005

"Vietnam, dance!" ist der zweite Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Von Bangkok fliege ich nach Hanoi. Vorbei an ausrangiertem Militär-Schrott rollt die Maschine der Thai Airways auf das neue Terminalgebäude des Flughafens zu. Um die Mittagszeit herrscht hier kaum Betrieb. Ich zweifle, ob auf diesem Flughafen überhaupt je Betrieb herrscht. Das Lächeln der thailändischen Stewardess beim Aussteigen entlässt mich in eine andere Welt. Gelächelt wird ab jetzt nicht mehr. Schon die Polizisten vor der Flugzeugtür, oder sind es Soldaten, schauen grimmig und mustern jeden Ankömmling mit abschätzigem Blick. Sie tragen grüne Uniformen, wie alle Polizisten in kommunistischen Ländern und Deutschland.

5 June 2013

Hochgeschwindigkeitstrasse

Der Blick auf die Welt ist die Sicht aus dem Fenster. Sei es auf Magrittes Staffelei im Zimmer, auf der eine Landschaft zu sehen ist, die eine Doppelung des Weltausschnittes vor dem Fenster zu sein scheint.

Oder sei es die - durch ein grau-transparentes Rollo - versperrte Sicht auf die mit 269 km/h vorbeiziehende Landschaft neben einer Hochgeschwindigkeitstrasse.

Stundenlang flirrt die Umwelt wie ein Op-Art-Bild aus sich abwechselnden weißen und farbigen Linien um mich herum. So - als würde das Licht vibrieren. So - als würden zweihundert Bildschirme gleichzeitig flimmern. Dem Betrachter wird plötzlich übel - ganz schummrig, denn die Information zahlreicher Einzelbilder dringt zu zahlreich und zu schnell in seinen Kopf vor – überfordert ihn.

Er hat den Wunsch, das Andere aus der übergeordneten Perspektive im Ganzen zu überschauen, sei es sitzend im hölzernen Panoramahaus, stehend im Heißluftballon oder online durch Google Street View klickend. Doch es ist keine Überschau aus souveräner Position mehr, kein genussvolles Beherrschen des Gegenstandes, der dem Auge unterworfen ist, wir sehen keine Schlachtszenen mehr oder idyllische sowie erhabene Fernlandschaften in der Blicktotale von 360 Grad, sondern nur uns selbst auf Monitoren, hundertmal gebrochen und verkleinert bis wir uns in der Mitte des Bildschirmes im Unendlichen verlieren.

4 June 2013

Sexy und natürlich

Die weibliche Brust blitzte - wenn man sich diesem billigen Kalauer bedienen darf - in den letzten Wochen auf ungewohnte Art in den Medien auf. Neben den sonst boulevardesken "Busenblitzern" stand an unangefochtener Spitze Schauspielerin Angelina Jolie, die mit ihrer Brustamputation eine kurze Debatte über die Möglichkeiten und Grenzen der Krebsvorsorge losgetreten hatte. Der Akt selbst als Ausdruck einer radikalen Ästhetik der Selbsterfahrung blieb, bis auf einen Kommentar von Johanna Adorján in der FAS, unhinterfragt.

22 May 2013

Frankfurt ist überall

von Vincent Schmidt, Bangkok 2005

Als ich Vincent 2005 kennengelernt habe, war er gar nicht da. Er existierte nur in der Rede von jemanden. Ein Umstand, der sich häufig wiederholen sollte. Die Abwesenheit wurde zur Normalität. Manchmal hätte man glauben können, es gebe ihn gar nicht. Doch irgendwann kommt jeder von einer Reise zurück.
Ich habe mit Vincent bereits über Ost-Timor, Somaliland, Irakisch-Kurdistan und Pakistan gesprochen. Nun habe ich ihn gebeten, ein paar Reisenotizen für Minusvisionen aus dem Archiv zu holen. "Frankfurt ist überall" ist der erste Text einer dreiteiligen Asien-Serie.

Licht an. Zuerst der Blick auf die Uhr, kurz nach fünf in der Früh, dann durchs Zimmer. Beigetöne deuten an, dass sie einmal weiß waren, das Holz des Schreibtisches scheint einst dunkler und in seiner Farbigkeit intensiver gewesen zu sein. Wenn ich barfuß eine Weile über den Teppich laufe, sind meine Fußsohlen schwarz. Das "Asia Hotel" ist verblichener Luxus. Die Einrichtung erzählt von einer Zeit, die längst vergangen ist. Schreibtisch, Kommode, Wandschrank, Kingsize-Bett, zwei Ledersessel um einen niedrigen Holztisch – alles in diesem Zimmer ist im gleichen Stil gefertigt, Zufälligkeiten sind ausgeschlossen. Die Harmonie zwischen Einrichtung und Raumsituation ist perfekt. Für jedes Möbelstück scheint nur ein einzig denkbarer Aufstellungsplatz zu existieren.

18 May 2013

Finsterworld

Finsterworld bei Almondefilm

Kinostart: 17. Oktober 2013

16 May 2013

Andere Zeiten,
andere Räume

Arbeiten geht überall. Das ist für immer mehr Menschen ein Untergang, da Anfang und Ende ununterscheidbar werden. Für andere ist es eine Verheißung, da der White-Collar-Rhythmus für sie nutzlos ist und sie es schaffen, aus dem immer und überall, den richtigen Ort und die entscheidende Zeit herauszufiltern – weil sie es je nach Beschäftigungsform dürfen, können und müssen.

1 April 2013

Escapism


© Tobias Bärmann