7 August 2017

Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017
Closeup

Mit der selben Überraschung, die ich früh am Morgen über das rege Treiben auf den Bahnhöfen und in den Zügen verspüre, warte ich an drei Tagen zwischen 21 und 24 Uhr auf einen Regionalzug, der mich in die nächste Stadt nach Hause trägt. Jeder ist da.

Umso später die Stunde, umso härter die Nackenmuskulatur, die mir trotzig zeigt, dass meine Haltung während der zuvor verrichteten Arbeit falsch war. Ich dulde den Schmerz. Ich war schnell. Zur Belohnung esse ich eine Waffel am Stiel – ohne Puderzucker. Ich sehe das Gras zwischen den Gleisen, das schon immer da war und grün schimmernd zwischen den Steinen wächst. Inmitten der Halme sind Mäuse auf der Suche nach Futter zu sehen. Eine huscht mir auf dem Bahnsteig über die Schuhe. Sie sind nur hier, weil wir es sind.

Beim Gang durch die nächtliche Stadt meinst du mich, wenn du über die Lichter in den Bürogebäuden sprichst. Wir sind es. Jeder ist in seinem Großraumbüro allein. Es gibt keine Namen. Für zehn Euro die Stunde bin ich die, die dir die Startseite aktualisiert und dir das Gefühl des ewigen Jetzt gibt. Ich erschaffe dir unendliche Welten aus Bildern. Ich unterhalte dich mit einer Umfrage und einem Quiz. Ich schreibe eine Glosse zu dem Aufregerthema des Tages, die du nicht lesen wirst. Ich gleite durch Twitter und Facebook, um nachzuvollziehen, was dir gefällt. Reicht es für einen Artikel? Ich nehme freundlich die Texte freier Mitarbeiter entgegen und bedanke mich. Ich sorge dafür, dass erzählende Elemente aus den automatisch einlaufenden Printartikeln entfernt werden und die Idee getötet wird. Die Story lebt, doch nach mir gibt es keine Überschriften und Einleitungen mehr, sondern nur noch Headlines und Teaser. Kommst du mit mir hinter den Vorhang? Ich lösche eure Kommentare, wo auch immer ihr zu laut sprecht, und schreibe, wenn es die Zeit zulässt, höflich im Namen der Redaktion. Während du und zehn andere entrüstet antwortet, kündige ich die letzten Sportergebnisse in den sozialen Medien an und bearbeite fortlaufend den Posteingang. Ich warte auf einen DPA-Artikel. Ich warte auf neue Bilder. Das Telefon bleibt still. Heute ist nichts passiert.

Nach ein paar Stunden verfasse ich eine Übergabe per E-Mail. Ich rede über Inhalte und Aufgaben, ich meine Workloads.

Irgendwann war es wie abwaschen. Ich war im Fluss. Ich war fehlerfrei.

Ich habe dabei Musik gehört.

"Meine finanzielle Autobiografie 2007–2017", eine Erzählung, Format und Ausmaß unbestimmt. Bisher erschienen: Prolog, Die Tiefpunkte, The Culture I, Überforderung

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