15 January 2012

"Und dann kann man vielleicht auch aufhören"

Es wird gesagt, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Das gilt vielleicht als Idee, oder für eine gewisse Anzahl von Momenten. Für junge Bands beinhaltet ein Anfang jedoch Zeitlosigkeit als eine Form von Zeitmanagement, die Dominanz der linken Seite des Kontos im Gegensatz zur rechten, gepaart mit langen Fahrten, unnötigen Strafzetteln, geteilten Zimmern und Leben, sowie manchmal schlechtem Bier. Die Düsseldorfer Elektroband Susanne Blech hat den vermeintlichen Zauber des Anfangs erlebt und die gravierenden Schrecken bisher überlebt. Denn trotz aller Auflösungsversuche erscheint das zweite Album "Triumph der Maschine". Ein Interview über des Live-spielen-müssen als Erfolgskonzept, das zudem den Beweis liefert, dass bei jedem Anfang vor allem eins dominiert: das Ende. Es spricht der Sänger Timon Karl Kaleyta - wie immer im Stakkato.

Ich kann mich an einen fürchterlichen Auftritt im Dezember 2009 in der Kleinstadt Witten erinnern. Danach hieß es, dass sich die Band auflöst. Ironisches Spiel mit einer Tatsache, der sich tausende Bands aufgrund mangelnder ökonomischer Erfolge stellen müssen, oder ernsthafte Absicht?

Das hat sich nicht erst nach jenem Konzert entwickelt. Wir haben bereits vorher immer gesagt, sobald ein schlechter Gig kommt, hören wir sofort auf. Damals waren wir der Überzeugung, dass so etwas nie passieren kann. Dann ist es passiert. Wir standen da und haben uns gewundert, warum samstagabends in Witten nichts los ist. Nach dem Motto: Das kann doch nicht sein. Keine Promo. 12 Euro Eintritt. Und dann steht da keiner.

Seit Anfang 2010 habt ihr viele und gute Konzerte gespielt. Wann konntet ihr erkennen, dass Susanne Blech eine positive Entwicklung nimmt?

Das weiß ich nicht mehr. Aber ich kann mich an einen Moment erinnern, in dem ich dachte, dass wir jetzt aufhören müssen. Nachdem 2008 das Album "Deutsche Renaissance. Ein Kanon" erschienen war, hatte ich spätestens Mitte 2009 das Gefühl, dass mit Susanne Blech nichts mehr passiert. Doch 2010 kam irgendwann der Punkt, dass da plötzlich Leute vor der Bühne standen, die die Texte auswendig gelernt hatten. Ein Schlüsselerlebnis waren zum Beispiel die Auftritte bei Juicy Beates 2010 und 2011 in Dortmund. Man ist als junge Band aber stets von solchen lokalen Erfolgen geblendet. Ich finde letztendlich, dass Susanne Blech die erfolgloseste erfolgreichste Band in Deutschland ist.

Wie empfindet ihr die Diskrepanz zwischen dem positiven Bühnenerlebnis und der ökonomischen Negativerfahrung? 600 Kilometer fahren, aufbauen, spielen und im schlimmsten Fall bekommt man ein Trinkgeld, einen Kasten Bier und die Spesen erstattet....

Es ist völlig paradox. In jedem anderen Berufszweig rentieren sich mit der Zeit der Aufwand und die Einnahmen. Man hat sich aber mit Susanne Blech das Musikgeschäft ausgesucht, wo das überhaupt nicht der Fall ist. Das kann man natürlich nicht ewig so weitermachen, wenn es nicht klappt.

Das Live-Set von Susanne Blech besteht für Elektrobands unüblich aus sechs Personen. Bestand aus finanzieller Hinsicht irgendwann mal der Gedanke, dieses Live-Set zu verkleinern?

Solange wir uns das erlauben können, bleibt unser Set bestehen. Auch wenn wir natürlich bei anderen Projekten wie Danja Atari sehen, dass es viel lukrativer ist, die Gage nur durch vier teilen zu müssen. Der Idealfall für Bands wie uns wäre ein finanzielles System, das uns bei der Realisierung unterstützt. Ein Musikstipendium.

Welche Erwartungen verknüpft ihr mit dem neuen Album "Triumph der Maschine"?

Schwer zu sagen. Es steht und fällt mit den ersten Konzerten. Der letzte Versuch ist es sicherlich noch nicht.

Ist die Platte als physischer Tonträger ein Merchandising-Artikel geworden?

CDs können nur noch verkauft werden, indem man eine emotionale Bindung zu den Fans herstellt. Aber in diesem Zuge hat die Platte noch einen Stellenwert. Wir bekommen regelmäßig E-Mails mit der Frage: "Wo bekomme ich diese Platte". Fans wollen so etwas tatsächlich noch haben, obwohl sie vielleicht gar keinen CD-Player besitzen. Aber es ist heutzutage natürlich extrem wichtig, dass die Platte sehr gut aussieht. Wir haben jedoch immer nur sehr hässliche Platten gemacht.

Das stimmt. Doch zwischen erstem und zweitem Album liegen ästhetische Welten.

Wir hoffen, dass "Triumph der Maschine" bei unseren jungen Fans gut ankommt. Männer ab 25 Jahren werden wir auch mit der neuen Platte nicht so schnell überzeugen können. Die sind da viel argwöhnischer und kaufen eh keine CDs mehr. Deshalb hoffen wir, dass unsere Fans ihre kleinen Weihnachtsgagen in die Platte investiert haben, oder investieren werden, so dass wir auf Platz 100 in die Charts einsteigen. Wie viele verkaufte Platten braucht man dafür eigentlich heute noch? 50?

(Fadenscheinige Diskussionen über die Möglichkeit in die Top 100 zu kommen, die unterbrochen wird, da der Sänger die 'Nagelszene' aus dem im Hintergrund laufenden brutalen Film "Kevin allein zu Haus" nicht ertragen kann.)

Noch pflegt ihr die Bindung zu euren Fans sehr intensiv. Ist das ein Standard, den ihr dauerhaft aufrechterhalten wollt?

Auf keinen Fall. Das ist nur so lange möglich, bis wir großen Erfolg haben. Kürzlich hat jemand geschrieben, dass wir doch bitte niemals zu einem Major-Label gehen sollen. Daraufhin habe ich geantwortet: Keine Sorge, wir wiederstehen jedem Major-Label, bis wir ein Angebot bekommen. So charakterstark muss man sein.

Wann hat man das Gefühl, wirklich etwas erreicht zu haben?

Wenn das Projekt mehr abwirft, als man reinsteckt – auch zeitlich gesehen. Es wäre gut, wenn wir ein Jahr lang 100 Konzerte spielen würden. Dann kann man vielleicht auch aufhören.

Nehmen wir an, ihr kommt auf diese Anzahl der Auftritte. Wäre das eine neue Herausforderung? Ihr müsst das Projekt Susanne Blech bekanntlich noch in eure Lebensrealitäten einplanen.

Dieses Jahr ist ein Probelauf, der dann zeigen wird, wie gut das funktionieren kann. Es ist absehbar, dass wir an den Wochenenden immer unterwegs sein werden. Denn es wurden noch nie so früh Konzerte gebucht und angefragt. Wir dürfen also keine Wochenendjobs annehmen wie Kellnern.

Ist Elektropop etwas, was ihr noch in fünf bis zehn Jahren produzieren würdet?

Wir müssten den Anspruch an unsere Musik nochmals neu auspendeln, denn Anfang 40 können wir nicht mehr "Bock auf Disko" spielen. Vielleicht müssten wir Sade-mäßiger werden. Die Konsequenz wäre, dass auch ich singen lernen müsste. Aber dann könnten wir etwas ganz Schönes machen.

1 comment:

  1. ja. kann man. sollte man gelegentlich, spätestens, wenn man die namen seiner freunde nicht-dekliniert und sich selbst fragt: ist das alles noch post-ironisch gültig?

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